Als sich am 12.Dezember 2025 die Nachricht von Rolf Beckers Tod verbreitete, war die Bestürzung unter denen, die ihn kannten, sehr groß. Rolf war mit seiner markanten Stimme und seinem Literatur, Kunst, Theater und Film politisch interpretierenden Ansatz weit über sein Berufsfeld als Schauspieler hinaus bekannt. Wodurch kam dieses frühe Interesse an Politik? Er hatte als Achtjähriger sein Schlüsselerlebnis mitten im 2. Weltkrieg, als sein Vater, ein Wehrmachtsgeneral, in der Schlacht am Kursker Bogen (bei Belgorod) am 4. August 1943 fiel. Er hatte bei seinem letzten Besuch auf die Verbrechen der Wehrmacht und die Morde des SD hinter den Kampflinien im Familienkreis hingewiesen und die militärische Niederlage der faschistischen Armee vorhergesagt. Rolfs Freund und Kollege Michael Weber vom Deutschen Schauspielhaus in Hamburg hat ihn auf der bewegenden Trauerfeier in der Hamburger Dreieinigkeitskirche von St. Georg am 7.1.2026 mit dem Resümee kurz vor seinem Tod zitiert: „Damit war alles, was an diese Figur (an meinen Vater) geknüpft war, mit einem Granatsplitter zerstört. Wenn man etwas als meine Lebensleistung bezeichnen kann, dann war es die, das bewältigt zu haben.“
Das Politische war also zuerst in Rolf Beckers Leben da. In seinem weiteren Werdegang hat er den schwierigen Versuch unternommen, diese Erfahrung um die Ereignisse, die die endgültige Niederlage der deutschen Wehrmacht im Krieg gegen die Sowjetunion besiegeln, mit den Mitteln von Kunst und Literatur zu verstehen und daraus Konsequenzen zu ziehen. Der Kreis schließt sich, wenn man sich seinen letzten öffentlichen Auftritt auf der Hamburger Kundgebung von Friedensgruppen gegen die neue Wehrpflicht ansieht: Gerade aus dem Krankenhaus entlassen, las er Wolfgang Borcherts Gedicht „Sag Nein“ (1947) mit einer Verve und einem Engagement vor, dass man es als sein persönliches, friedenspolitisches Vermächtnis bezeichnen kann. Er war ein durch und durch politischer Künstler, in der Art und Konsequenz in der Bundesrepublik einmalig: Er stand politisch eindeutig links: Antifaschist, Gewerkschafter, Friedensaktivist, Sozialist und Internationalist.
Als Kind war er, 1935 in Leipzig geboren, dann zunächst in Halle und Stettin groß geworden, ab 1943 bei den Großeltern auf einem Bauernhof in der Nähe von Rendsburg aufgewachsen und kam schließlich nach dem Krieg nach Bremen, wo er am Alten Gymnasium in der Dechanatstraße das Abitur 1955 ablegte. Nach der Schauspielausbildung in München und den ersten Engagements in Ulm und Darmstadt wurde Bremen die vielleicht wichtigste Station in seinem politischen und künstlerischen Wirken (1963-1971). Es war die legendäre Zeit von Zadek (Regisseur) und Hübner (Intendant), die mit Experiment und Provokation die postfaschistische Gesellschaft der alten Bundesrepublik aufwirbelte und über Bremen hinaus zur Inkubationszeit von 1968 gezählt werden kann. Die antiautoritäre Phase der Schüler- und Studierendenbewegung, die in den Bremer Straßenbahnunruhen 1968 kulminierte, spiegelte sich auch in dem von Rolf mit getragenen Film „Ich bin ein Elephant, Madame“ (1969). Der Film thematisierte u.a. das Schüler-Lehrer-Verhältnis am renommierten Alten Gymnasium. Ab Mitte der 60er leitete er die Abteilung Oper (!) am Bremer Theater, an dem auch Monika Hansen als Schauspielerin engagiert war, die Mutter der gemeinsamen Kinder Ben Becker und Meret Becker, ferner auch überregional bekannte SchauspielerInnen wie Edith Clever, Judy Winter und Bruno Ganz.
Seine Politisierung erfuhr im Jahr 1969 insofern eine Wende, als er sich , wie viele Intellektuelle um 1968, der Arbeiterbewegung anschloss: in Gestalt der mit den bekannten Namen Heinrich Brandler und August Thalheimer verbundenen Gruppe „Arbeiterpolitik“. Sie stand in der Tradition der Bremer Linken um Johann Knief und der gleichnamigen Zeitschrift, der aus der KPD 1928 ausgeschlossenen, kommunistischen Rechts-Opposition (KPD-O) mit der bis heute vielbeachteten Thalheimerschen Faschismustheorie, die nach dem Exil ihrer wichtigsten Persönlichkeiten in Hamburg, Bremen, Salzgitter und Nürnberg einige ihrer Zentren haben sollte. Die mit wichtigen Analysen hervorgetretene Gruppe „Arbeiterpolitik“ hatte die Bildung von aktiven politischen Kadern im Sinn, betrieb eine realistisch-kritische Gewerkschaftspolitik und war offen für linke Bündnisse bis hin zum sozialdemokratischen Flügel der Arbeiterbewegung. Rolf schloss sich dieser Gruppierung 1969 in Bremen an und setzte diese Orientierung in Hamburg mit ihrer unbestrittenen Leitfigur Josef Bergmann („Pepp“) fort. Ganz in der Nähe dieses Kommunisten, Gewerkschafters und Antifaschisten ist Rolf auf dem Ehrenfeld der Geschwister-Scholl-Stiftung des Hamburger Friedhofs Ohlsdorf beerdigt. Allerdings unterschied sich Rolfs politische Praxis deutlich von der eines Mitglieds einer politischen Sekte: Er war so etwas wie die Volksfront in einer Person, allerdings fest in den internationalistischen Traditionen der alten Arbeiterbewegung verankert – mit weiter Öffnung ins bürgerliche Lager, zu dem er durch seine erfolgreiche Tätigkeit als Schauspieler in zahllosen Filmen und am Theater in Hamburg mit den Spielstätten Schauspielhaus, Thalia und Ernst Deutsch-Theater erheblich beigetragen hat, zuletzt in der aus seinem Geburtsort Leipzig stammenden Serie „In aller Freundschaft“.
In Bremen, wo sein jüngerer Bruder lebte, hatte er ein vertrautes Wirkungsfeld bei den DGB-Gewerkschaften (zuletzt leider wenig), bei progressiven linken Historikern wie Karl Heinz Roth und Jörg Wollenberg und bei der MASCH Bremen. Mit den beiden genannten Historikern hat er Auszüge aus den Pöhland-Briefen aus der Zeit des 1.Weltkrieges in der Villa Ichon vorgetragen und in zwei sehr gut besuchten Veranstaltungen im Goethe-Theater (2011) und anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx in der Bremer Shakespeare Company (2018) den gesamten Text des „Kommunistischen Manifest (s)“ interpretierend vorgetragen. Dies ist nur eine Auswahl an Bremer Veranstaltungen, wo Rolf eine sehr große Fan-Gemeinde besaß, die bis in die Zadek/Hübner-Ära zurückreichte. Unvergessen in jüngerer Zeit auch Rolf Beckers lehrreichen und anschaulichen Vortrag über Leningrad und die Belagerung durch die faschistische Armee (1941-1944) in der Bremer Kirche Unser Lieben Frauen – im Rahmen der Deutsch-Russischen Friedenstage. Und Rolf pflegte noch einen Draht nach Bremen, genauer nach Bremen-Nord: Er würdigte das antifaschistische und friedenspolitische Engagement von Regine und Gerd-Rolf Rosenberger, die Rolf Becker zur Einweihung des Leo-Drabent-Weges für Ende Januar 2026 eingeladen hatten – zur Erinnerung an Leo Drabent, den aus Blumenthal stammenden, 1944 hingerichteten kommunistischen Widerstandskämpfer. Rolf hatte zugesagt.
Dass er als Sozialist auch immer – in der Tradition Rosa Luxemburgs und ihrer Junius-Broschüre von 1916 – Internationalist war, hat er durch seine Solidarität mit den Arbeitenden im Jugoslawien-Krieg und dann in der Solidarität mit den Menschen in Griechenland – in der Folge der neoliberalen Roßkur Deutschlands und der EU – bewiesen: Praktische Solidarität mit den Arbeitenden und Leidenden in all diesen sozialökonomischen Kämpfen war seine Maxime als Verdi-Gewerkschafter, nicht etwa die Übereinstimmung mit den gerade herrschenden politischen Führungsfiguren . Er nutzte, wie im Falle Griechenlands, die Chance, an der Seite von griechischen Widerstandskämpfern die Verbrechen der deutschen Wehrmacht anzuprangern und antifaschistische Solidarität zu üben. Die Zusammenarbeit mit Esther Bejerano in Hamburg und anderswo zeugt von dieser überzeugenden Haltung eines gelebten Antifaschismus, die er mit den Mitteln der Kunst umzusetzen verstand. Diese Überzeugungen vertrat er auch mit argumentativer Kraft, als wir von der Norddeutschen Friedensbewegung aus im Frühjahr 2023 eine Demonstration für Frieden und Diplomatie im Ukraine-Krieg in den Straßen des Panzer-Standorts Munster durchführten, das sich unverschämter Weise mit einem Zitat des von den Nazis ausgebürgerten und in den Selbstmord getriebenen Antifaschisten und Literaturwissenschaftlers Walter Benjamin an der Außenwand zu schmücken versucht (mehr an Geschichtsklitterung geht nicht). Rolfs Redebeitrag hob auch hier die Solidarität mit den ukrainischen und den russischen Menschen hervor, die unter dem Krieg so extrem zu leiden haben.
Eine große Wirkung erzielte Rolf ohne Zweifel in seinem Beruf als Schauspieler. Die Palette der Produktionen reicht von der Unterhaltung in Fernsehserien vom Tatort bis zu In aller Freundschaft. Er wirkte als Synchronsprecher, u.a. auch bei Radio Bremen, nahm an Verfilmungen von Literatur, z.B. von „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (H. Böll), von „Vor dem Sturm“ (Th. Fontane) oder von Golo Manns historischem Werk über „Wallenstein“ teil. Lesungen als gesellschaftskritische Interpretationen von Klassikern wie „Heinrich Heine. Dichter unbekannt“ (mit Claus Bremer), von „Martin Luther“ und vor allem „Karl Marx/Friedrich Engels, Das Kommunistische Manifest“ sind auf CD gebrannt und flexibel einsetzbar in der politischen Bildung, sei’s für junge Menschen , sei’s für Erwachsene. Von daher wird Rolf Becker jenseits seines physischen Todes eine beachtliche politische Wirkung erzielen können, wenn wir seine Interpretationen für die aktuellen sozialen Kämpfe und Bewegungen und im Kampf um die Köpfe nutzen. Beides würde ihm gefallen.
Gerhard Schäfer, Bremer Friedensforum