Die Vorstellung des im Donat-Verlag Bremen erschienenen Buches »Friedenspolitik in Bremen« (Hrsg. von Barbara Alms und Gerhard Schäfer) fand am 5.2.2026 in der Bremer Stadtbibliothek (Wall-Saal) statt.
Eingerahmt war die Veranstaltung von der musikalischen Darbietung des Trio Violante, moderiert wurde die Diskussion von Gerhard Baisch (IALANA). Die Wortbeiträge dokumentieren wir unten.
Insgesamt hatten nahezu 150 Teilnehmende die Veranstaltung besucht. Die Medienvertreter von Weser-Kurier und dem Lokalsender Buten und Binnen waren der Einladung nicht gefolgt.
Die Reden:
Grußwort Prof. Dr. Christoph Butterwegge
Nach den beiden Weltkriegen war Bremen immer eine Hochburg, wenn nicht gar die heimliche Hauptstadt der Friedensbewegung unseres Landes. Heute, in einer Zeit des Umbruchs, eines neuen Wettrüstens und wachsender Kriegsgefahr, ist es notwendiger denn je, die honorige Tradition des Pazifismus und Antimilitarismus wiederzubeleben. Dazu leistet das von Barbara Alms und Gerhard Schäfer zu Ehren von Hartmut Drewes herausgegebene Buch einen wichtigen Beitrag, den zu würdigen mir eine große Ehre ist.
Wer - wie ich - die Hauptursache von ökonomischen Krisen, ökologischen Katastrophen, sozialen Konflikten, aber auch von Kriegen und Bürgerkriegen in der wachsenden sozioökonomischen Ungleichheit sieht, muss das von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius ständig vorgetragene Abschreckungsmantra "Si vis pacem para bellum" (Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor!) hinter sich lassen. Ersetzt werden muss das Abschreckungsparadigma durch eine Maxime, die auf dem Grundstein des Ursprungsgebäudes der kurz nach Beendigung des Ersten Weltkrieges gegründeten Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) eingraviert wurde: "Si vis pacem cole iustitiam" (Wenn du Frieden willst, sorge für Gerechtigkeit!).
Heute ist klar: Sicherheit ist angesichts der Fortschritte im Hinblick auf die Militärtechnologie bloß noch gemeinsam zu haben. Es geht längst nicht mehr um "Kriegstüchtigkeit", sondern um Friedensfähigkeit in einem kollektiven Sicherheitssystem, das die NATO und ihre Führungsmacht nach Beendigung des Kalten Krieges aufgrund ihrer militärischen Überlegenheit problemlos hätten schaffen können. Hätten sie den OstWest-Konflikt an dieser wirklichen Zeitenwende nicht in modifizierter Form fortgeführt, sondern Russland wie damals von ihm beantragt (gemeinsam mit den übrigen vormaligen Sowjetrepubliken) in die NATO aufgenommen, wäre es nie zum Ukrainekrieg und zu einem neuen Wettrüsten gekommen.
Obwohl die Bundesregierung auf Hochrüstung setzt und die Militarisierung der Gesellschaft wie des Denkens vorantreibt, ist Resignation fehl am Platz. Trotz des Plans, nach Pershing II und Cruise Missiles erneut US-amerikanische Mittelstreckenraketen in Deutschland zu stationieren, die als Erstschlagswaffen gelten müssen, sollte die verbleibende Zeit genutzt werden, um die breite Öffentlichkeit zu informieren und die Menschen gegen Kriegsszenarien aller Art zu mobilisieren. Das gigantische Rüstungsprogramm der Bundesregierung muss energisch bekämpft, die demokratische Frage mit der sozialen und diese mit der Friedensfrage verknüpft werden.
Redebeitrag: Barbara Heller
Herzlichen Dank den Herausgebern des Buches: Friedenspolitik in Bremen - Hartmut Drewes - für eine Welt ohne Krieg und Gewalt.
Das Buch ist nicht nur eine Würdigung von Hartmut Drewes, sondern auch eine hommage an die Friedensbewegung in Bremen und speziell an das Bremer Friedensforum. Darüber freue ich mich sehr und danke den Herausgebern herzlich. Hartmut Drewes hat in den 25 Jahren seines Wirkens im Bremer Friedensforum eine gar nicht hoch genug einzuschätzende Rolle gespielt. Ekkehard Lentz, der im November 2023 völlig überraschend starb, hat das Bremer Friedensforum gemeinsam mit Hartmut Drewes durch immer schwieriger werdende Zeiten gelenkt. Eva Böller und ich haben die beiden nach Kräften unterstützt. Was meine ich mit den immer schwieriger werdenden Zeiten? Um das zu ermessen, erinnere ich an den furiosen Start des Bremer Friedensforums 1983. Da zog ein Flugzeug ein Transparent über den Bremer Himmel mit der Losung "Sonne statt Reagan". Näheres dazu im Buch. Das geschah in den Hochzeiten der bundesweiten Friedensbewegung, als 100 000de in Bonn demonstrierten, sich in Parteien, Gewerkschaften und Kirchen für friedenspolitische Ziele einsetzten.
In dem Maße, in dem die Friedensbewegung nicht nur gegen US-amerikanische Kriegspolitik, sondern auch gegen zunehmende deutsche Kriegsbeteiligung protestierte, gingen ehemalige Bündnispartner verloren. Spätestens seit der deutschen Beteiligung am völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Jugoslawien 1998 war die Losung: Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg! ihres konkreten Inhalts beraubt. Ein Losung, die Gründungskonsens und Verpflichtung des Bremer Friedensforums war und ist. Die Friedensbewegung musste sich ab 1998 mit einer neuen Erfahrung auseinandersetzen: Deutschland beteiligte sich an einem Krieg, brauchte dazu aber keinen Faschismus. War der Grundkonsens der Nachkriegszeit, dass von Deutschland nie wieder Krieg ausgehen solle, nicht mehr vorhanden? Stimmte die Mehrheit der Bevölkerung dem Krieg zu?
Dagegen sprachen Meinungsumfragen. Aber das Wahlvolk wählte Parteien, die die Kriege ermöglichten. Wir vom Bremer Friedensforum haben versucht, Kurs zu halten, indem wir uns auf zentrale Aufgaben verständigten: Wir lassen uns nicht davon abbringen, Rüstungsproduktion und Rüstungsexport, gerade auch in und aus Bremen, für die Kriege in aller Welt zu verurteilen. Wir protestieren gegen die Zerstörung der völkerrechtlichen Grundlagen. Wir fordern die Einhaltung der UN-Charta, des Grundgesetzes und der Bremer Verfassung, die alle zum Frieden verpflichten. Wir sind der festen Überzeugung, dass sich die großen Fragen der Zukunft: Atomkriegsgefahr, fortschreitende Umweltzerstörung und weltweite Armut nur gemeinsam lösen lassen. Wir sehen keine Alternative zu Kooperation und lehnen jeden Konfrontationskurs ab. Verhandeln und Diplomatie sind die einzig richtige Antwort zur Lösung von Konflikten. Auf jede Krise, auf jeden Gewaltakt mit noch mehr Gewalt zu reagieren ist verantwortungslos.
Einen Tag nach dem Einmarsch der Russen in die Ukraine sind wir vom Bremer Friedensforum auf den Marktplatz gegangen mit unseren Transparenten, auf denen unsere Losungen standen: NEIN zum Krieg! Die Waffen nieder! Alle Kriege beenden! Mit diesen alten Losungen der Friedensbewegung haben wir gegen den Krieg in der Ukraine protestiert. Schwerpunkt unserer Proteste ist aber immer die deutsche Politik. Wir haben weder auf Putin noch auf Trump Einfluss. Unsere Forderungen richten sich an die deutsche Regierung. Unser vorrangiger Protest richtet sich gegen die deutsche Außen-, Innen-, Sozialund Kriegspolitik. Wir sind gegen den Afghanistankrieg, den Krieg gegen den Irak und gegen Syrien auf die Straße gegangen, wo Deutschland mehr oder weniger offen und intensiv beteiligt war. Wir verurteilen die Lieferung deutscher Waffen an die Türkei, die damit Krieg gegen die kurdische Bevölkerung führt.
Wir verurteilen die deutsche Unterstützung Israels, das mit deutschen Waffen einen Vernichtungskrieg gegen die palästinensische Bevölkerung führt.
Dass Deutschland die größte und stärkste Militärmacht Europas werden will, lehnen wir als geschichtsvergessen und gefährlich ab. Der Plan, künftig fast die Hälfte des Bundeshaushaltes für Militär und Krieg auszugeben, bedeutet: Kanonen statt Butter. Das darf nicht passieren!
Wir lehnen Kriegstüchtigkeit ab. Wir wollen in einem Land leben, das friedensfähig ist.
Im Ostermarschlied von Hannes Stütz heißt es: Marschieren wir gegen den Osten? NEIN! Marschieren wir gegen den Westen? NEIN! Wir marschieren für die Welt, die von Waffen nichts mehr hält, denn das ist für uns am besten.
Am 4. April ist es wieder so weit: ab 11.00 Uhr startet der diesjährige Ostermarsch am Friedenstunnel in Bremen. Bei der Schlusskundgebung wird Christoph Butterwegge, Mitbegründer des Bremer Friedensforums zum Thema „Abrüstung statt Sozialabbau“ sprechen. Im Sinne von Hartmut Drewes und in der Tradition der Friedensbewegung in Bremen lade ich Alle ein, dabei zu sein.
Redebeitrag: Gerhard Baisch
Heute ist es genau ein Jahr her, dass Hartmut gestorben ist. Der Verlust ist noch frisch. Wir fühlen schmerzlich die Lücke, die sein Tod gerissen hat. Aber als ich gestern dieses wunderbare Buch in die Hand bekam mit all den Fotos von Menschen, die mit ihm für den Frieden aktiv waren und sind, fühlte ich Freude und neuen Mut, in dieser, unserer Zeit, regiert von Politikern so bar jeder Vernunft und bedrohlich auf Krieg orientiert, weiter zu kämpfen: wir müssen sie, diese Zeit, ja nicht genau so lassen, wie sie uns traf. In den letzten Tagen haben wir öffentliche Beiträge der letzten Überlebenden des Holocausts erlebt.
Wie enorm wichtig sind für die Erfassung der Geschichte die persönlichen Schicksale der Handelnden! Durch ihre Schilderungen bekommen Ereignisse Farbe. Sie werden komplex und öffnen so den Blick für die entscheidenden Fragen: wie hätte ich gehandelt? Wo sind falsche Wege eingeschlagen worden, was hätte nicht sein müssen? Das ist das Schöne an diesem Buch: dass es die Entwicklung der Friedenspolitik in der Bundesrepublik nach 1945, und insbesondere in Bremen, verschränkt mit Hartmuts Leben in allen seinen Facetten und gestützt auf Quellen, wie seine Redebeiträge und Predigten. Insoweit ist er durch dieses Buch nun einer der "Zeitzeugen", die hoffentlich noch lange Gehör finden werden. Was finden wir in dem Buch, das wir nun heute "aus der Taufe heben"? ( Das Wort passt ja heute wirklich zum Gegenstand!)
Drei große Texte von Gerhard Schäfer und Barbara Alms, die das Buch herausgegeben haben, sowie von Barbara Heller, der letzten der Sprecherinnen und Sprecher des Bremer Friedensforums zu Hartmuts Zeiten, ergänzt jeweils durch bisher kaum zugängliche Texte von Hartmut selbst. Dazu noch spezielle Beiträge u.a. zur MASCH Bremen, den DeutschRussischen Friedenstagen, Großwulkow und Hartmut als Fotograf und Dokumentarist. Im Buch wird jede Leserin /jeder Leser bestimmt auf ihm bisher Unbekanntes stoßen. Für mich z.B. die lange Achse in Hartmuts Leben von der Beschäftigung als Student mit dem Einfall der NaziWehrmacht in der Sowjetunion und den furchtbaren Kriegsverbrechen bis hin zur aktiven Mitarbeit 2018 bei der Gründung der Deutsch-Russischen-Friedenstage.
Oder die aus den Aktivitäten der Christlichen Friedenskonferenz und der "Abrüstungsinitiative Bremer Kirchengemeinden" 1980 entstandene Verbindung in die Altmark nach Großwulkow, wo er mit seiner Oslebshauser Jugendgruppe mithalf bei der Rettung verfallender romanischer Dorfkirchen. Von Großwulkow hatte ich bis dahin nie gehört. Als jemand, der fast parallel mit Hartmut jahrelang evangelische Theologie studiert, aber mich darüber leider nie mit ihm ausgetauscht hatte, war es faszinierend zu hören, wie er ebenfalls seine Prägung in den Zeugnissen der Bekennenden Kirche und bei Karl Barth erfahren hatte.
Die revolutionäre Ethik der Bergpredigt mit ihrer Umkehr der üblichen Prinzipien des sozialen Miteinanders von Konkurrenz zu Empathie, von Krieg zu Frieden wurde damals an den theologischen Fakultäten als christlicher Kern der Botschaft Jesu in den traditionsgeschichtlichen Forschungen nach dem historischen Jesus aufgedeckt. Wenn Hartmut in den Nachrufen vor einem Jahr geschildert wird als feinfühlig, sanft, voller innerer Ruhe und mit wachem Ohr für Leidende und ungerecht Behandelte: hier sind die Wurzeln. Dort im Neuen Testament ist auch die Wurzel für seinen radikalen Pazifismus und Antimilitarismus.
"Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!" - das wurde zu seinem Lebensmotto. Er begriff es als Aufforderung, sich einzumischen, zu handeln für den Ausgleich, nicht nur im Rahmen seiner Gemeinde, sondern ebenso für den Frieden zwischen den Völkern. So wurde er in den Jahren des Kalten Krieges zu einem der bremer "Friedenspfarrer". Sie suchten auf ihre Weise den Kontakt und das Gespräch mit den geschundenen Völkern Osteuropa jenseits des Eisernen Vorhangs.1945 hatte die Völkergemeinschaft in der UNO-Charta sich ein beeindruckendes Programm gegeben: souveräne Gleichheit aller Staaten, Beilegung internationaler Streitigkeiten durch friedliche Mittel, keine Einmischung in innere Angelegenheiten.
1990 endlich schien es erreicht, dokumentiert in der Erklärung von Paris. Dort heißt es: "Das Zeitalter der Konfrontation und der Teilung Europas ist zu Ende gegangen. Wir erklären, dass sich unsere Beziehungen künftig auf Achtung und Zusammenarbeit gründen werden." 35 Jahre später ist heute das letzte Atomabrüstungsabkommen ausgelaufen. Wer für den Frieden mit Russland eintritt, riskiert neuerdings EU-Sanktionen und Verlust seiner zivilen Existenz.
Die Leitmedien hämmern uns täglich ein: Russland soll unser ewiger Feind bleiben. Das hatte 1945 Hartmut doch schon als 6-jähriger am elterlichen Mittagstisch gehört. Und der neue Vorhang, der uns vor dem Blick nach Osten schützen soll, ist bereits zugezogen. Wir finden uns damit nicht ab. Wir holen uns Mut und Zuversicht aus diesem Buch. Und schreiben gemeinsam ein nächstes Kapitel "Friedenspolitik in Bremen - für eine Welt ohne Krieg und Gewalt".
Redebeitrag: Gerhard Schäfer
Ich füge zum Thema "Danksagung" als Mitherausgeber hinzu: Zusätzlich zu den AutorInnen, GestalterInnen und dem Verleger möchte ich Dich, liebe Barbara, und deine Verdienste um die Planung, Durchführung und Organisation dieses Buchprojektes hervorheben. Deine Meisterinnen-Leistung bestand darin, von der Planung und ihrer ständigen Modifikation, zur Redaktion, zur Kommunikation mit dem AutorInnenteam, mit dem GestalterInnen-Duo und schließlich dem Verleger alles koordiniert zu haben. Deine Beharrlichkeit, Deine Konsequenz, Deine Freundlichkeit, Dein Charme und Dein substanzielles Interesse am Thema "Friedenspolitik" und "Friedensbewegung" haben es ermöglicht, dass dieses Buch wie geplant erscheinen konnte. Ich danke Dir für das Vertrauen und die wunderbare Zusammenarbeit, für unsere immer intensiver gewordenen inhaltlichen und persönlichen Gespräche ich habe viel dazu gelernt, was Du mit Deiner Erfahrung im Bücher Machen uns allen vermittelt hast. Einfach grandios, und danke.
Hartmut würde trotz seiner bescheidenen Zurückhaltung - das Buchprojekt gefallen haben. "Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg" - Für Hartmut Drewes ist die Erfahrung des gerade 6-j. Jungen, der die Zerstörung seiner Heimatstadt Hildesheim im März 1945 erlebt, fundamental. Damit beginnt auch die Auseinandersetzung mit dem Faschismus-Thema, denn sein Elternhaus war deutschnational ausgerichtet. Und ich darf daran erinnern, dass es ein Bündnis aus Ultra-Konservativen und Nazis war, das am 30.1.1933 in den Sattel gehoben wurde - und in der Gegenwart: schon 2020 wurde ein Nobody namens Kemmerich (FDP) mit den Stimmen der Höcke-AfD in Thüringen kurzfristig zum MP gewählt.
Über den jetzigen Bundeskanzler F. Merz wäre seine Quasi-Offerte an die AfD von Anfang 2025 hinzuzufügen. Damit sind wir bei der Aktualität, die auch Hartmut umtrieb. Der Appell "Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!" hat viele Jahrzehnte den antifaschistischen und pazifistischen Bestrebungen in der Bundesrepublik als Richtschnur gedient. Er ist von Häftlingen des KZ Buchenwald in Umlauf gebracht worden, insbesondere nach dem Schwur von Buchenwald am 19.April 1945.
Die Reihenfolge verweist darauf, dass die faschistische Herrschaft in Deutschland unerlässlich war für die Planung und Durchführung des verbrecherischen Angriffskrieges: Ohne Faschismus kein Krieg, ohne die Machtübergabe an die Nazis am 30.1.1933 kein Überfall auf Polen am 1.9.1939, dann auf ganz Europa und am 22.6.1941 auf die Sowjetunion. Für Hartmut Drewes war dieser äußerst brutal geführte "Russlandfeldzug" der deutschen Wehrmacht eine der tief greifendsten Erfahrungen seit seinem Engagement in der CFK Anfang der 1970er Jahre: 27 Millionen Tote, 70.000 zerstörte Dörfer als Folge der Politik der verbrannten Erde.
Die Monstrosität der Menschenverachtung und der Schandtaten ließen ihn nicht zur Ruhe kommen, und er stellte sich der historischen Verantwortung, indem er sich in seinem politischen Handeln von Frieden, Völkerverständigung, Demokratie und Abrüstung leiten ließ. Im KZ Sachsenhausen errichtete die Lager SS bereits im August 1941 eine 1Genickschussanlage, mit der Ende August bereits 10.000 sowjetische Kriegsgefangene ermordet wurden. Seine Arbeit in der Lidice-Initiative, der "Wiedergutmachung" in der Zwangsarbeiterfrage, dem Gedenken an die verhungerten sowjetischen Soldaten und ZwangsarbeiterInnen an der Reitbrake und auf dem Osterholzer Friedhof bis zu den DeutschRussischen Friedenstagen ist nur so verständlich.
Das steht nicht in irgendeiner Konkurrenz zu der Erinnerung an Auschwitz und an den Holocaust. Hartmuts Mitarbeit im Gedenken an die Reichspogromnacht in Bremen seit 1978 zeugt davon, es ist Teil seiner ungeteilten Solidarität mit den jüdischen Opfern und der Ermordung der europäischen Juden Auschwitz ist das Symbol für diese antisemitisch motivierte Mordpraxis der Nazis.
Zur Geschichte von Auschwitz gehören auch die ermordeten Sinti und Roma, und, hier schließt sich der Kreis zu Hartmut Drewes, die sowjetischen Kriegsgefangenen, die man als erstes - zur Probe - ins Gas geschickt hat. Diese historische Erinnerung relativiert nichts, auch nicht den Schock über den russischen Einmarsch am 24.2.2022, aber hindert uns Friedensbewegte daran, erneut einer Militarisierung und Aufrüstung in der Bundesrepublik zuzustimmen, die sogar einen erneuten "Ritt gen Osten" ermöglichen, aber auch im atomaren Inferno enden könnte. Dazu wollten wir in diesem Buch einen Beitrag leisten, denn die Theorie ist letztlich für die Praxis da.
Redebeitrag: Helmut Donat
Christoph Butterwegge hat Recht: Bremen ist die heimliche Hauptstadt der Friedensbewegung. Jedenfalls kenne ich keine Stadt, die ein ähnliches und vergleichbares Buch wie die "Friedenspolitik in Bremen" hervorgebracht hat. Dazu haben viele vor uns und alle, die hier versammelt sind, beigetragen. Darauf sind wir stolz, ohne es dabei bewenden zu lassen. Und allein schon das verdient einen kräftigen Applaus.
Dank gebührt all denen, die das Buch verfasst haben; zu ihnen gehören auch die Herausgeber Barbara Alms und Gerd Schäfer. Mit beiden gab es eine vorzügliche Zusammenarbeit. Insbesondere hat Barbara viel Zeit, Umsicht und Engagement in das Vorhaben gesteckt, und das sollte hier und jetzt nochmals anerkennend beklatscht werden. Wir befinden uns innenwie außenpolitisch in einer schwierigen Lage.
Dazu Folgendes: Wir sagen NEIN zu einer hirnverbrannten "Kriegstüchtigkeit" und allem, was sich an militaristischer Vernebelung der Gehirne darauf stützt. Wir lassen es nicht zu, den Krieg durch die Hintertür erneut zum "Vater aller Dinge" zu erklären. Eine Verteidigung, die vorgibt, uns zu schützen, den Frieden aber unsicherer macht, brauchen wir nicht und lehnen wir ab. Wir stehen sicher und fest auf beiden Füßen. Wir sind tief in der Erde verwurzelt, während unsere Gegner im Sande stecken und einer Welt, vollgestopft mit Waffen, Hass und Missgunst, Profitgier und Machtwahn nachjagen. Statt einem Freund-Feind-Denken und der Russenfurcht das Wort zu reden, plädieren wir für Güte und Verstehen, Freundschaft, Versöhnung und Nächstenliebe.
Niemand kann uns weismachen, wir bereiteten uns ja nur auf den Krieg vor, um ihn zu vermeiden. Wir lassen uns nicht erneut einreden, all die Vorbereitungen dienten nur unserem Überleben. Wer da sagt, die andern lügen und seien nicht verhandlungsbereit, dem antworten wir: So einfach ist das nicht; denn wir sind nicht frei von Lichtund Schattenseiten, mögen wir auch noch so tun, als seien wir ein Kulturvolk.
Wir fragen: Wie ist es zu dem Ukrainekrieg gekommen? Warum hat der Westen dem russischen Sicherheitsinteresse nicht Rechnung getragen? Welche Geheimabsprachen und Vereinbarungen sind im Februar 2022 auf westlicher Seite getroffen worden, von denen das Volk nichts weiß und nichts wissen darf? Die Prediger deutscher Weltpolitik sind auferstanden. Unter europäischer Flagge plädieren sie dafür, Deutschland müsse endlich erwachsen werden und harte Kante zeigen. Sie verlangen nach einer Sprache der Macht und tun so, als seien die Russen uns feindlich gesinnt.
Wir lassen uns nicht einreden, dass die Russen zu den Waffen greifen werden, um uns zu ihren Knechten zu machen. Solche Irreführungen und lügendurchtränkten Behauptungen haben uns in zwei Weltkriegen in den Abgrund gerissen. Umso mehr sagen wir der zunehmenden Militarisierung der Innenund Außenpolitik einen klaren und nie nachlassenden Kampf an."Wir werden", so ruft es uns Hartmut Drewes in dem vorliegenden Buch zu, "in der kommenden Zeit viel Aufklärungsarbeit leisten müssen." In diesem Sinne rufe ich dazu auf: Streift alles Trennende ab und lasst uns zu einer machtvollen Bewegung vereinigen! Hartmut Drewes hätte sicher hinzugefügt: "Das walte Gott!"
Redebeitrag: Barbara Alms
Verehrte Friedensfreundinnen und Freunde, es ist bewegend zu sehen, dass ihr alle, so viele, heute Abend gekommen seid, heute auf den Tag ein Jahr nach Hartmuts Tod. Das Gedenken an Hartmut an seinem ersten Todestag umfasst Dunkles, tiefgründig Existenzielles. Aber es ist über das Jahr auch ein Buch entstanden, ein taghelles, strahlendes Buch der Erinnerung, der Reflexion und der Ermutigung gleichermaßen. Damals, vor einem Jahr, war die Erschütterung groß. Die Bremer Friedensbewegung hatte ein Jahr zuvor schon den Tod des bedeutenden Friedensaktivisten Ekkehard Lentz zu beklagen.
Mit dem Tod beider gingen nicht nur Kraft und Zukunft, sondern ein Stück Geschichte verloren. Eine Zäsur, die viel Bedrohliches an sich hatte, zumal sich die Dramatik des Augenblicks durch die massiven geopolitischen Verschiebungen verstärkte. Doch Hartmut lebte bis zuletzt in der ihm eigenen Klarheit. Als er und ich in den Januartagen des vergangenen Jahres gemeinsam seine Schriften ordneten, er schwer krank und doch mit verantwortungsvollem Blick auf die weitere Entwicklung der Bremer Friedenspolitik, da wollte er, dass ich ausgewählte Papiere nach seinem Tod ins Staatsarchiv Bremen trüge.
Dorthin hatte er in den Jahren zuvor schon andere Dokumente der Friedensbewegung gebracht. Das Erbe seiner Generation, der KämpferInnen um Abrüstung, Völkerverständigung und soziale Gerechtigkeit, sollte nicht verloren gehen. Doch nach seinem Tod entstand darüber Hinausgehendes, die Idee dieses Buchs. Das Buch sollte ein wahrhaftes Monument der Friedenspolitik werden. Niemals in all den Jahren, in denen ich ihn kannte, verstand sich Hartmut als Einzelkämpfer. Er verabscheute eitle Selbstdarstellung. Er pflegte ein großes Netzwerk und wusste sich in sozialer und geistiger Verbundenheit mit den Mitstreitern und Freunden sowie den Vorläufern und Vordenkern, von den großen kritischen Theologen wie Karl Barth und Hans Joachim Iwand und der Riesenzahl verehrter marxistischer Denker, die er studierte und zitierte, bis hin zu den Künstlern und Dichtern, Leitsternen wie Picasso und Wereschtschagin, Ossietzky und Tucholsky, der von ihm besonders geliebten russischen Literatur. Er verortete sich in Gruppen und Gemeinschaften, der Christlichen Friedenskonferenz und der Abrüstungsinitiative Bremer Kirchengemeinden.
Dem Bremer Friedensforum, den Deutsch-Russischen Friedenstagen und der Marxistischen Abendschule widmete er sein Wirken, seine letzten Lebensjahrzehnte. Das Buch dokumentiert dieses lebendige Verflechtungsgefüge in 10 Kapiteln. Dargestellt ist die außerordentliche geschichtliche Leistung dieser Generation, in der Antifaschismus, Friedensarbeit, Theologie und Kunst als Einheit begriffen werden konnten, als notwendiges Ineinander und Miteinander. Mit dem Ziel wie Hartmut es einmal mit der wunderbaren Bildlichkeit des Alten Testaments beschwörend sagte: "damit Gerechtigkeit und Frieden sich küssen." Mit unserer Darstellung schließen wir uns an die grundlegenden Bücher über Bremer Friedenspolitik von Christoph Butterwegge aus den 1980er und 90er Jahren an. In seinen Veröffentlichungen schrieb der langjährige Bremer Friedensaktivist und Wissenschaftler: "Wer vorwärts gehen will, sollte sich von Zeit zu Zeit umdrehen und nach hinten sehen.
Auch die Friedensbewegung muß sich ihrer Vergangenheit gewiß sein, um in der Gegenwart erfolgreich zu wirken und (vielleicht) die Zukunft beeinflussen zu können." (1989, S.9) 1Wir starteten mit der Hilfe und Unterstützung von vielen Seiten. Die geleistete Mühe hat Namen. Vor allem die Autorinnen und Autoren Barbara Heller, Sönke Hundt, Horst Otto, Gerhard Schäfer sind zu nennen, deren unermüdlichem Einsatz das Buch überhaupt seine Entstehung verdankt. Meinem Mitherausgeber Gerhard Schäfer danke ich zusätzlich für vertrauensvolle Zusammenarbeit.
Trotz Zeitdrucks konnten wir gemeinsam das Vorhaben in einer Atmosphäre der Zuversicht zu einem guten Abschluss führen. Wichtige Hinweise erhielten wir aus dem Umkreis des Friedensforums und der Evangelischen Gemeinden. Fundamental waren die Gespräche mit den Pastoren Wilfried Preuß-Hardow, Rolf SängerDiestelmeier, Hans-Günter Sanders und Louis-Ferdinand von Zobeltitz. Beachtliche Unterstützung erfuhr das Buch durch den Verleger Helmut Donat, selbst Friedensforscher und engagierter Begleiter der Friedenspolitik in Bremen, der uns an vielen Stellen zur Seite stand.
Und: Ohne die außerordentliche Kreativität und Kompetenz der Fotografen - vor allem von Hartmut selbst sowie der Gestalter Jörg Möhlenkamp und Marlis Schuldt hätte das Buch nicht diese besondere, lebendige Gestalt erhalten: mit 175 Abbildungen, anschaulich, sinnlich, ein Sehund Denkvergnügen. Noch aber stehen wir in den Anfängen der notwendigen, ja lebenswichtigen Geschichtsschreibung von Friedenspolitik in Bremen. Nicht alles konnte zur Sprache kommen, ein Fazit ist nicht in Sicht. Unvermeidlich sind Lücken - und Fehler. Doch, wie Ruth Klüger, österreichisch-amerikanische Holocaust-Überlebende, in ihrem Buch "Still Alive" schrieb: "Die Freunde (so schrieb sie), die Freunde füllen die Lücken ...". So hoffen wir.
Tiefer Dank Dir, Hartmut, und euch allen, liebe Freunde!
Redebeitrag Horst Otto
Guten Abend! Horst Otto mein Name. Ich spreche hier für die Deutsch-Russischen Friedenstage Bremen.
Ich möchte sagen: Herzlichen Dank für das Buch und dass wir darin einen so breiten Raum gefunden haben. Ich möchte es ein Mutmacher-Buch nennen. Es macht so viel Energie aus der Friedensbewegung sichtbar. Was wir hier heute sehen, sind die Energieträger und ‑trägerinnen, die diesen Gedanken auch vortragen. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, diesen Gedanken fortzutragen. In Zeiten von "KriegstüchTgkeit" und massiver Aufrüstung kann es nur so sein, dass wir nicht ruhen und unsere Stimme erheben. 2018 war eine denkwürdige Zeit. Barbara Heller und Hartmut Drewes kamen auf mich zu und fragten, ob es nicht irgendwie möglich sei, etwas auf den Weg zu bringen, dass letztendlich das Thema Verhältnis zu Russland zum Inhalt haben wird.
Das war eine Zeit, ihr erinnert euch, die schon sehr von Anspannung in Richtung Russland geprägt war. Und es drängte sich auf, dieses Thema intensiver eigenständig im Rahmen der Friedensbewegung zu bearbeiten. Das war eine wichtige Initiative. Ich erinnere mich an unsere ersten kleinen Sitzungen, die wir hatten. Das war bei Hartmut Drewes zuhause. In seinem wunderbaren Wohnzimmer. An seinem wunderbaren Tisch. Dort wurde die Gruppe, die sich um dieses Thema bemüht hat, größer und größer und die Planungen wurden konkreter und wir haben dann den Schritt vollzogen und im Sommer 2019 die Deutsch-Russischen Friedenstage gegründet. Ich denke, das war eine sehr gute Entscheidung, dieses zu tun! Wenn man sich fragt, warum waren die Zeiten schon damals erkennbar angespannt in Richtung Russland, dann hat Frau Merkel ein Zeitdokument veröffentlicht, das dieses auch endgültig bestätigt hat.
Das war am 8. Dezember 2022 (im Wortbeitrag unkorrekt mit 2020 benannt) in der Zeitung Die Zeit. Da hat sie ein großes Interview gegeben. Und da hat sie kundgetan, dass der Minsk-Prozess ein großer Fake des Westens war. Dass der Westen nichts anderes zu tun hatte, als diese Zeit zu nutzen, um die Ukraine aufzurüsten. Das sagt Frau Merkel. Von Diplomatie, von Suche nach Frieden und Entspannung: von ihr kein Wort. Dann versteht man auch, wenn diese Gedanken im Hintergrund wirken, was da angesagt war. Von daher war die Gründung unseres Vereins wichtig. Es war eine wunderbare Zeit, als wir den Verein gegründet haben. Wir wurden sehr schnell viel mehr. Wir waren eine kleine Gruppe. 14 Gründerinnen und Gründer haben das vollzogen.
Aber schon sehr schnell wurde der Verein größer und er wächst heutzutage immer mehr und er wird größer und seine Fähigkeiten und Möglichkeiten nehmen damit auch zu. Damals war es vor allem so, dass wir das Thema Städtepartnerschaften weit vorne hatten. Viele unserer Mitglieder sind losgegangen. Zum Rathaus, zur Handelskammer usw. Wir haben Gespräche geführt und ausgelotet, welche Wege zu einer Städtepartnerschaft zwischen Bremen und einer Stadt in der Russischen Föderation führen. Wir haben damals freundliche Worte gehört, aber Ablehnung. Und wir wissen inzwischen, wie das weitergegangen ist. Trotzdem geben wir diesen Gedanken nicht auf. Wir versuchen weiter, unseren Beitrag zu leisten, den Blick zu öffnen für das Leben in der Russischen Föderation. Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass Völkerverständigung und Freundschaft und Frieden mit Russland eine wichtige Essenz unserer Arbeit sind.
Da gibt es viel zu tun. Ich will jetzt nicht länger referieren, was das Thema Aufrüstung und Munitionierung der Ukraine usw. betrifft. Das wissen wir alles. Wir sehen noch einen weiteren Prozess, der sehr verhängnisvoll sein kann für die Zukunft. Das ist nämlich, dass die Kriegstreiber in unserem Land daran arbeiten, die Gräben zur Russischen Föderation weiter zu vertiefen. Ich will das an einem Beispiel zeigen. Wer heute versucht, über ein Reisebüro nach Russland zu fahren, der wird erfahren, dass er von diesem Reisebüro keine Unterstützung erhalten kann.
Im Gegenteil, wenn es diese leistet, das sogar strafewehrt ist im Rahmen des 19. Sanktionsprogramms der EU. Das ist also ein Thema. Es geht darum, den Blick immer weiter wegzubekommen vom Leben in der Russischen Föderation. Welche Funktion soll es sonst haben, dass man uns heute verweigert, mit einem offenen und freundlichen Blick zu sehen, dass das Leben in diesem Land sogar sehr interessant und spannend sein kann. Weiter geht die nachhaltige Zerstörung der Beziehungen mit dem Thema Gas. Ihr habt es gehört. Die EU beschließt, künftig kein russisches Gas zu beziehen.
Das bedeutet eine weitere Zersplitterung der Möglichkeiten. Wenn man wirtschaftlich nicht mehr agiert – Wirtschaft erfordert Kooperation, erfordert Gespräche, erfordert alles Mögliche – dann reißt man einen weiteren Graben und das ist Absicht. Dagegen arbeiten wir und versuchen mit unserem bescheidenen Beitrag, den Blick offen zu halten für KooperaTon, für Dialog, für DiplomaTe, um den Weg offen zu halten für ein vernünftiges Verhältnis zur Russischen Föderation. Wer möchte, kann im Verein Deutsch-Russische Friedenstage mitmachen. Danke für die Aufmerksamkeit!
Zum Schluss: Erich Fried
Erich Fried
Du liebe Zeit
1988
Da habe ich einen gehört
wie er seufzte: „Du liebe Zeit!“
Was heißt da „Du liebe Zeit?“
„Du unliebe Zeit“, muss es heißen
„Du ungeliebte Zeit!“
von dieser Unzeit, in der wir
leben müssen. Und doch
Sie ist unsere einzige Zeit
Unsere Lebenszeit
Und wenn wir das Leben lieben
können wir nicht ganz lieblos
gegen diese unsere Zeit sein
Wir müssen sie ja nicht genau so
lassen, wie sie uns traf.