
Wir dokumentieren nach und nach die auf dem Ostermarsch 2026 in Bremen gehaltenen Reden – den Anfang macht die Rede von Ebubekir Kilinc.
Liebe Bremerinnen, liebe Bremer, liebe Freundinnen und Freunde des Friedens,
ich stehe heute hier als Mitglied der palästinensischen Gemeinde dieser Stadt. Aber ich möchte heute nicht nur als Palästinenser zu euch sprechen. Ich möchte als Bremer zu euch sprechen.
Wir haben in dieser Stadt seit dem 7. Oktober 2023 über 110-mal demonstriert. Wir haben gerufen, wir haben geweint, wir haben Zahlen genannt, die so groß sind, dass der menschliche Verstand sie kaum noch fassen kann. Aber heute ist Ostermarsch. Heute geht es um das Fundament, auf dem wir alle stehen wollen: den Frieden und das Recht auf Frieden.
Beginnen wir mit dem Unfassbaren. Am 30. März hat die israelische Knesset ein Gesetz verabschiedet, das die Todesstrafe für Palästinenser einführt. In einer Zeit, in der die Welt vorgibt, sich weiterzuentwickeln, führt ein Staat, der von unserer Bundesregierung als „Wertepartner“ hofiert wird, die staatliche Tötungsmaschinerie ein – selektiv, rassistisch, brutal.
Ein Staat führt im 21. Jahrhundert eine Hinrichtungsmaschinerie ein, die sich gezielt gegen eine Ethnie richtet. Das ist keine Justiz. Das ist staatlich organisierter Mord. Das ist die endgültige Maskerade eines Apartheidregimes, das keine Zeugen mehr will. Wenn Widerstand gegen eine völkerrechtswidrige Besatzung mit dem Strang oder der Giftspritze beantwortet wird, dann ist das der totale moralische Bankrott. Und ich frage euch, ich frage die deutsche Bundesregierung: Wo bleibt der Aufschrei? Wo sind die Sanktionen? Wenn dieses Gesetz in Teheran oder Moskau verabschiedet würde, stünden unsere Talkshows in Flammen. Doch wenn es in Tel Aviv geschieht, nennt man es „Sicherheitsbedürfnis“. Diese Doppelmoral ist das Gift, das unser internationales Recht zersetzt!
Ein junger Palästinenser braucht heute kein faires Verfahren mehr zu erwarten. Er braucht nur den Mut zum Widerstand zu haben, und er landet am Galgen der Besatzung. Wenn wir zulassen, dass ein Staat Menschen nach ihrer ethnischen Herkunft hinrichtet, dann haben wir jedes Recht verloren, uns jemals wieder auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zu berufen!
Denkt kurz darüber nach. Wir reden hier nicht von einem Relikt aus dem Mittelalter. Wir reden von einem Staat, der sich selbst als „einzige Demokratie im Nahen Osten“ bezeichnet und nun im Jahr 2026 ein Gesetz implementiert, das faktisch nur für eine einzige Ethnie gilt. Es ist das juristische Todesurteil für den Gedanken der Gleichheit. Es ist Apartheid.
Wenn wir hier in Deutschland von „Werten“ sprechen, wie können wir dann schweigen, wenn ein Rechtssystem zur Waffe umfunktioniert wird? Wenn ein junger Mann aus Nablus oder Gaza vor ein Militärgericht gestellt wird, wo Richter im Grunde Henker in Uniform sind? Dieses Gesetz ist kein Sicherheitsinstrument. Es ist eine Kapitulationserklärung vor der Menschlichkeit.
Aber die Mauern fallen nicht nur im Gerichtssaal. Sie fallen gerade in der gesamten Region. Während wir hier stehen, fliegen bunkerbrechende Bomben auf den Iran und den Libanon. Man nennt es „Präventivschlag“. Man nennt es „Neuordnung“. Man nennt es „Regime Change“.
Aber nennen wir es doch beim Namen: Es ist ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg, geführt mit der technologischen Überlegenheit der USA und der rücksichtslosen Entschlossenheit der israelischen Regierung. Über 12.000 Ziele im Iran wurden in den letzten Wochen angegriffen. Atomanlagen, Häfen, Infrastruktur. Und wer bezahlt den Preis? Es sind die Zivilisten in Teheran, in Beirut, in Haifa und im Gazastreifen. Dieser Krieg wird uns als „alternativlos“ verkauft. Doch wir wissen: Jede Bombe, die heute in Teheran oder im Südlibanon einschlägt, ist der Zündstoff für den Terror von morgen. Wer den Nahen Osten „in die Steinzeit zurückbomben“ will, wie es aus Washington und Tel Aviv tönt, der bombt auch unsere Hoffnung auf eine regelbasierte Weltordnung in die Steinzeit.
Und mitten in diesem Chaos geschieht etwas, das das Herz von Milliarden Menschen verwundet: Die Al-Aqsa-Moschee ist seit nunmehr über 30 Tagen geschlossen. Mitten im Fastenmonat, mitten in einer Zeit, in der Menschen Trost im Gebet suchten. Israel nutzt den „Ausnahmezustand“ des Krieges gegen den Iran als Vorwand, um eines der wichtigsten Heiligtümer der Welt abzuriegeln. Es geht hier nicht um Sicherheit. Es geht um die totale Kontrolle über die Identität eines Volkes. Wenn Menschen der Zugang zu ihrem Gott verwehrt wird, während gleichzeitig Siedlergruppen unter Polizeischutz von der Zerstörung des Tempelbergs träumen, dann wird Religion zur Geisel der Geopolitik.
Das beschränkt sich aber nicht nur auf muslimische Stätten. Auch Christen wird systematisch der Zugang zu heiligen Stätten verwehrt. Dem obersten katholischen Kardinal wurde am Palmsonntag der Zugang zur Grabeskirche verwehrt. Das ist bisher in 1691 Jahren nicht passiert. Und auch die Al-Aqsa-Moschee wurde seit 1967 nicht geschlossen.
Und während der Blick der Welt auf die Raketen über dem Persischen Golf starrt, stirbt Gaza leise weiter. Über 80 000 Tote – das ist die Bevölkerung einer ganzen Stadt wie Delmenhorst, einfach ausgelöscht.
Gaza ist heute ein Ort, an dem Hilfsgüter nicht mehr ankommen. Sie verrotten in Lagerhäusern in Jordanien, weil die Bürokratie der Besatzung tödlicher ist als jeder Scharfschütze. Wir dürfen nicht zulassen, dass Gaza zur „Fußnote der Geschichte“ wird, nur weil es einen neuen, noch größeren Krieg gibt.
Gaza ist nicht nur ein Ort auf der Landkarte. Gaza ist zu einem Riss geworden, der mitten durch unsere Wohnzimmer geht. Wie viele von euch haben Freunde verloren, weil man über dieses Thema nicht mehr reden kann? Wie oft habe ich am Mittagstisch geschwiegen, weil ich Angst hatte, als „antisemitisch“ oder sonstiges abgestempelt zu werden?
Wir erleben eine Zeit, in der Empathie selektiv geworden ist. Wenn wir über das Leid in Gaza sprechen – über 80.000 Tote, über verhungerte Säuglinge –, dann wird uns oft mit einer Kälte begegnet, die wehtut. Es ist die Kälte einer Gesellschaft, die gelernt hat, Menschenleben zu wiegen.
Dieser Genozid hat unser soziales Miteinander vergiftet. Er hat dazu geführt, dass sich viele Menschen mit Migrationsgeschichte und nicht nur Palästinenser in diesem Land nicht mehr sicher fühlen. Nicht nur wegen physischer Gewalt, sondern weil sie merken: Mein Schmerz zählt hier weniger. Meine Tränen werden als politisch verdächtig eingestuft. Das macht etwas mit einer Gesellschaft. Es lässt uns verhärten. Es macht uns einsam.
Ich weiß, viele von euch hier haben Angst. Angst vor einer Eskalation, die auch Europa erreicht. Angst davor, das „Falsche“ zu sagen. Man hat uns erzählt, Solidarität mit Palästina sei kompliziert. Man hat uns erzählt, Kritik an Israel sei gefährlich für den sozialen Frieden in Deutschland. Aber ich sage euch: Es ist ganz einfach.
Frieden ist nicht die Abwesenheit von Krieg für uns hier in Bremen. Frieden ist die Anwesenheit von Gerechtigkeit für alle. Wenn wir zulassen, dass das Völkerrecht in Gaza stirbt, dann stirbt es überall. Wenn wir zulassen, dass Deutschland Waffen liefert, während in Israel die Todesstrafe für Widerstand eingeführt wird, dann machen wir uns zum Komplizen einer Welt, in der nur noch das Recht des Stärkeren zählt.
Ihr seid heute hier, weil ihr die Hoffnung auf den Frieden noch nicht verloren habt. Aber diesen Frieden können wir nur gemeinsam erreichen. Wir müssen aufhören, Menschenleben zu wiegen. Ist ein Kind in Teheran weniger wert als eines in Kiew? Ist eine Mutter in Gaza weniger schützenswert als eine in Tel Aviv?
Wie finden wir also wieder zueinander? Erstens: Indem wir aufhören, Leid gegeneinander aufzurechnen. Das Leid der jüdischen Gemeinde ist real. Das Leid der palästinensischen Gemeinde ist real. Menschlichkeit ist kein Kuchen, von dem man weniger hat, wenn man ihn teilt.
Drittens: Wir müssen in Bremen Räume schaffen, in denen wir wieder streiten dürfen, ohne uns zu hassen. Wir müssen die Angst vor der Komplexität verlieren. Frieden beginnt nicht am Verhandlungstisch in Genf, sondern am Gartenzaun in Horn-Lehe oder im Café im Viertel.
- Stoppt die Waffenexporte! Keine deutsche Hardware für ein System, das die Todesstrafe nach ethnischen Kriterien verhängt.
- Beendet die doppelte Moral! Völkerrecht gilt für den Iran, es gilt für Russland – und es muss verdammt nochmal auch für Israel gelten!
- Öffnet die Tore! Für die Hilfe nach Gaza und für die Gläubigen aller Religionen in Jerusalem. Sei es zur Grabeskirche oder zur Al-Aqsa.
- Öffnet Gaza! Beendet die Belagerung, beendet das Aushungern, beendet den Genozid!
Wir lassen uns nicht spalten. Nicht in „wir“ und „die“. Wir sind die Menschen, die Nein sagen zum Krieg – egal, in welcher Sprache die Befehle gebrüllt werden.
Hoch die internationale Solidarität!
Freiheit für Palästina!
Frieden für die Welt!
Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit!