Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden

von Wilfried Preuß-Hardow

Anfang Juni dieses Jahres erschien die von Ralf Becker, Karen Hinrichs, Heinrich Schäfer und Theodor Ziegler herausgegebene ökumenische Friedensschrift „Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden“. Sie kann als Gegenentwurf zu der unseligen Kriegsdenkschrift der EKD angesehen werden und richtet sich in erster Linie an ChristInnen und Kirchen, darüber hinaus aber bewusst auch an alle säkular friedensbewegten Menschen, sowie an Verantwortliche in Politik und Gesellschaft. In ihrer Argumentation nimmt sie Bezug auf die Bibel, aber auch auf Erkenntnisse der sozialwissenschaftlichen Friedens- und Konfliktforschung, insbesondere den Mythos der erlösenden Gewalt (Walter Wink) und die Entfaltung einer Friedenslogik (Anne-Margret Birckenbach).

Biblisch bezieht sich die Schrift vor allem auf die Kritik Jesu, auf den Splitter im Auge des anderen hinzuweisen und dabei den Balken im eigenen Auge zu ignorieren, sowie auf die goldene Regel (Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut auch ihnen – populär in der negativen Form: was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem anderen zu). In der Anwendung dieser biblischen Vorgaben auf die gegenwärtige politische Weltlage kommt die Schrift zu erfreulich klaren Aussagen. Einige Zitate mögen das exemplarisch verdeutlichen:

„Was nehmen Menschen in Russland wahr, wenn die NATO-Staaten inklusive der USA fast zehnmal so viel Geld für Aufrüstung ausgeben wie Russland (1,3 Bio / 150 Mrd. USD) und wenn die USA ca. 800 Militärbasen weltweit unterhalten, Russland dagegen nur ca. 20, weitgehend im grenznahen Ausland? Was haben die politisch Verantwortlichen in Russland wahrgenommen, als vor allem der Westen seit 2001 Verträge zur Rüstungskontrolle aufgekündigt hat (ABM, INF); den von Russland 2004 bereits unterzeichneten AKSE-Vertrag zur weitergehenden konventionellen Abrüstung in Europa nicht unterzeichnet hat, sowie von russischer Seite angebotene Kontrollinspektionen (Kaliningrad) und Gespräche über eine europäische Sicherheitsordnung abgelehnt und Aufforderungen zur Abrüstung ignoriert hat (New Start, 2026)? Was nehmen Menschen in Russland wahr, wenn ab 2026 weitreichende Hyperschallwaffen mit präventiver Erstschlagsoption in Deutschland stationiert werden …“ (S. 24)

„Was sehen Menschen aus dem globalen Süden, wenn sie Europa oder die USA im Hinblick auf wirtschaftliche Ausbeutung oder Klimakatastrophe betrachten?“ (S. 25)

Mit Bezug auf die NATO-Osterweiterung: „In diesem Zusammenhang wäre es sinnvoll, dass westliche Politiker und Politikerinnen anerkennen, dass der Verweis auf die Freiheit jedes OSZE-Landes, sich einem selbst gewählten Bündnis anzuschließen, immer dann vertragswidrig ist, wenn dadurch die Sicherheitsinteressen eines anderen Vertragsstaates verletzt werden. In der Europäischen Sicherheitscharta (OSZE, Istanbul, 19.11.1999) wird das Recht, ´Bündnisverträge frei zu wählen` eingeschränkt dadurch, dass Staaten ´ihre Sicherheit nicht auf Kosten der Sicherheit anderer Staaten festigen`“ (S.27)

„Die USA haben die Rüstungskontrolle aufgegeben und eine Präventivschlagdoktrin entwickelt. Die deutsche Regierung gibt de facto das Völkerrecht auf und unterstützt das US-amerikanische Recht des Stärkeren als neue Weltordnung.“ (S. 35)

„Hingegen werden völkerrechtswidrige Aggressionen des Westens (wie z.B. die Bombardierung Belgrads 1999, der Irakkrieg 2003, die Ermordung Gaddafis im Libyenkrieg 2011, die Angriffe auf den Iran 2025 und 2026, die Feindseligkeiten gegen Venezuela und Kuba 2026) verschwiegen.“ (S.30/31)

Mit vielen Beispielen aus der angewendeten Friedenslogik werden darüber hinaus Lösungsmöglichkeiten ausgeführt, wie den multiplen Krisen der Welt begegnet werden kann.

Trotz der klaren Analyse der politischen Weltlage handelt es sich nicht um eine antikapitalistische Kampfschrift. Die VerfasserInnen schreiben aus der „privilegierte(n) Position als mittelständische Bürgerinnen und Bürger einer westlichen Gesellschaft“ (S.15) Was manchem als inkonsequente Schwäche vorkommen mag, erweist sich m.E. als eine der Stärken dieser Schrift. So kann die Schrift in der momentanen von Kriegspropaganda geprägten Situation weder als systemzersetzendes linksextremistisches Machwerk diffamiert werden, noch in die Schublade feindliche Falschmeldungen verbreitender Putinfreunde geschoben werden. Alles in allem handelt es sich vor allem mit Blick auf den Ukraine Krieg um eine wohltuende, viele Informationen enthaltende Lektüre. Sie enthält darüber hinaus umfangreiche Literaturhinweise und Quellenangaben. Sie ist als Download erhältlich unter oekumenische-Friedensschrift-2026.pdf oder in Buchform für 7.99 über den Handel erhältlich. Am 07. Oktober, 19.00 Uhr, soll die Schrift auf einer Veranstaltung des christlichen Friedensnetzwerkes im Gemeindehaus der Gemeinde Unser Lieben Frauen vorgestellt und diskutiert werden.

Wilfried Preuß-Hardow, 07.07.2026

Das Buch ist für 7,99€ in jedem Buchgeschäft erhältlich – oder zum Beispiel hier: (Link).

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