Kirche und Frieden im aktuellen Zeitgeschehen

Wir dokumentieren einen Vortrag von Wilfried Preuß-Hardow, gehalten im Friedenspark Habenhausen am 16.09.2026

Vorab: Leider spiele ich kein Instrument und kann auch nicht mehr singen, und um im Freien Musik von der Konserve abzuspielen fehlt mir das technische know how. Also werden Sie sich heute mit einem schlichten Wortbeitrag zufriedengeben müssen. Dabei will ich versuchen, unser Leben im Kontext der gesellschaftlichen Umstände und des christlichen Glaubens zu beleuchten.

Meine Generation – und das trifft wohl auf den größten Teil der friedensbewegten Menschen in unserem Land zu – lebt eigentlich in einer vom Schicksal begünstigten Zeit. Wann hat es vor uns eine Generation gegeben, die keinen Krieg im eigenen Lande erlebt hat? Wir leben in einer klimatisch bevorzugten Region der Welt in einem nie dagewesenen Wohlstand mit technischen Möglichkeiten, die uns das tägliche Leben erleichtern. Eigentlich könnten wir uns dankbar und zufrieden zurücklehnen.

Aber wir wissen auch, dass unser gutes Leben nicht einfach auf unserem Fleiß und Wissen beruht, sondern auf der Ausbeutung anderer Länder. Und wir erleben, wie unsere Umwelt in rasantem Tempo zugrunde gerichtet wird, verbunden mit einem Artensterben, wie es das seit der Kreidezeit vor über 60 Million Jahren auf dieser Erde nicht mehr gegeben hat. Und wir erleben gerade in jüngster Zeit eine Aufrüstung wie es sie in unserem Land lange nicht gegeben hat. Das führt dazu, dass die Errungenschaften unseres Sozialstaates (Rente, Krankenversorgung, Arbeitnehmerrechte, bezahlbarer Wohnraum usw.) zunehmend abgebaut werden. Außerdem werden wir täglich mit Feindbildern und Kriegspropaganda bombardiert, sodass manch einer schon gar keine Nachrichten mehr hören mag. Wie es zu dieser jüngsten Entwicklung gekommen ist, möchte ich an zwei Schlagworten deutlich machen.

1) Zeitenwende.

Zeitenwede ist ein Begriff, der mit Nichten vom damaligen Kanzler Olaf Scholz erfunden worden ist. Mit diesem Begriff sollte zum Beginn des 1. Weltkrieges die Kriegsbegeisterung des Deutschen Volkes geschürt werden. Davon waren alle gesellschaftlichen Bereiche, einschließlich der Kirche erfasst. Was Zeitenwende bedeutete wird daher am besten in einem Auszug aus einem Predigtband von 1915 unter dem Titel „die Predigt des Evangeliums in der Zeitenwede“ deutlich. Darin heißt es, Gott habe Deutschland den Krieg als eine große, schwere, ernste, eiserne, eherne, dunkle und drangvolle Zeit zur Bewährung auferlegt, um es in einem gerechten und heiligen Krieg zum Vollstrecker seines göttlichen Willens werden zu lassen.

Und beim Pazifisten Erich Mühsam findet sich der sarkastische Tagebucheintrag zum 1.Januar 1915: „Zeitenwede! Das Wort führt jetzt jeder Esel im Munde, dem die Zeit noch niemals etwas gewendet hat. Voll Stolz und Selbstgefühl wird dieser 1. Januar begrüßt. Dass er bestimmt ist, eine Epoche fortzusetzen, die die Vernichtung von Millionen Schicksalen bedeutet, fällt den Hanswursten nicht ein.“

Ich halte Olaf Scholz nicht für so ungebildet, dass ihm dieser historische Kontext des Begriffes nicht bewusst ist.

2) Kriegstüchtigkeit.

Auch dieser Begriff stamm ursprünglich aus dem Deutschen Kaiserreich. Er wurde aber vor allem von den Nationalsozialisten in Vorbereitung auf den 2. Weltkrieg benutz. Josef Goebbels etwa konstatierte in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre: Die Rüstungsindustrie sei auf einem guten Wege und auch die Wehrmacht entwickele sich hervorragend. Was aber fehle, sei die Bereitschaft des Deutschen Volkes nach den Erfahrungen des 1. Weltkrieges erneut in den Krieg zu ziehen. Deshalb sei es nun die vordringliche Aufgabe, das Volk kriegstüchtig zu machen. Auch Boris Pistorius muss sich des historischen Kontextes durchaus bewusst gewesen sein, als er diesen Begriff erneut aufgriff. Folgerichtig haben wir es nicht nur mit einer massiven Aufrüstung zu tun, sondern auch mit einer enormen Propaganda, die das Volk kriegstüchtig machen soll.

Propaganda: Die Prinzipien der Propaganda sind dabei dieselben wie vor dem ersten und dem zweiten Weltkrieg. Der britische Diplomat Arthur Ponsonby hat sie in den 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts einmal zusammengefasst. Wenn ich Ihnen jetzt einige der von ihm genannten Punkte benenne, denken Sie daran, was aktuell täglich auf uns hereinrieselt:

  • Wir wollen den Krieg nicht.
  • Das gegnerische Lager trägt die Verantwortung
  • Der Führer des Gegners ist ein Teufel
  • Wir kämpfen für eine gute Sache
  • Der Gegner kämpft mit unerlaubten Waffen.
  • Der Gegner begeht mit Absicht Grausamkeiten

Und der amerikanische Politikwissenschaftler Harold Dwight Lasswell schrieb 1927:“Die psychologischen Widerstände gegen den Krieg sind in modernen Nationen so groß, dass jeder Krieg als Verteidigungskrieg gegen einen bedrohlichen, mörderischen Aggressor erscheinen muss. Es darf keinen Zweifel darüber geben, wen das Volk zu hassen hat.“

All das klingt doch, wie in unsere Zeit hineingesprochen. Wie kann das sein? Propaganda gibt es doch nur beim Feind. Das Wort ist zu negativ besetzt, um es für die eigene Arbeit zu verwenden. Bei uns heißt das dann Strategische Kommunikation, und die Nato beschäftigt in diesem Bereich eine Vielzahl von Menschen in verschiedenen Abteilungen. Das reicht von direkt hauptamtlichen Angestellten über zivile Auftragnehmer und Teilbeauftragte. Ihre Gesamtzahl geht Schätzungen zufolge in die Tausende. Das sind nicht einfach irgendwelche spinnerten Blogger, die Falschmeldungen verbreiten. Es sind hochqualifizierte Psychologen, Kommunikationswissenschaftler und Werbefachleute. Sie arbeiten in Regierungen und Geheimdiensten, aber besetzen auch entscheidende Schaltstellen in NGOs oder gründen selbst neue. Sie arbeiten in Nachrichtenagenturen, Rundfunkräten und Redaktionen der Medienkonzerne, gründen eigen Nachrichtenagenturen, durch die sie die Redaktionen der Zeitungen und Rundfunkanstalten fluten.

Propaganda funktioniert auf vielfältige Weise: Nicht einfach nur durch erfundene Nachrichten und Falschmeldungen, auch durch Kombination von Bildern und Texten, durch geäußerte Vermutungen, durch Einstellung von Meldungen in andere Zusammenhänge, durch manipulierte Volksbefragungen, bezahlte Augenzeugen, durch ständige Wiederholungen, durch emotionale Bilder, die eigentlich keinen Sachverhalt vermitteln. Oft werden auch falsche oder entstellende Behauptungen in Nebenbemerkungen wie beiläufig geäußert, sodass ein Widerspruch eigentlich nicht lohnend erscheint, und vieles mehr. Niemand ist frei davon dadurch beeinflusst zu werden. Ich will Ihnen zwei Beispiele nennen, wie selbst friedensbewegte Leute sich dem nicht entziehen können.

1) In der Ukraine herrscht seit 4 ½ Jahren Krieg. Diese von vielen übernommene Aussage sagt aus: Der Krieg in der Ukraine ist durch den Einmarsch der russischen Truppen ausgelöst worden. Tatsächlich hat der Krieg aber viel früher, nämlich mit dem vom Westen initiierten Maidanputsch 2014 begonnen. Er hat bereits vor dem Eingreifen der russischen Armee ca. 15.000 Tote gekostet, hauptsächlich unter der russischsprachigen Zivilbevölkerung. Das Eingreifen der russischen Truppen hat das Kriegsgeschehen zweifellos noch einmal eskalieren lassen, ausgelöst hat es den Krieg aber nicht.

2) In einem Flugblatt der ansonsten von mir sehr geschätzten Initiative „Sicherheit neu denken“ habe ich in diesem Frühjahr die Frage gelesen: „Was können wir in Europa tun, um dem imperialistischen Streben Russlands, Chinas und der USA entgegen zu wirken?“ Psychologisch wirkt in einer Aufzählung immer das erste Glied am stärksten. Also: Die schlimmsten imperialen Bestrebungen gehen von Russland aus, gefolgt von China und auch noch ein wenig von den USA. Tatsache dagegen ist: Die USA unterhalten weltweit ca. 800 Militärbasen außerhalb des eigenen Landes, Russland etwa 20, zumeist im grenznahen Ausland und China gar keine.

Ich will damit deutlich machen: Propaganda wirkt. Sie will uns einreden: Wir werden vom bösen Feind bedroht und müssen uns verteidigen. In diesem allgemeinen Klima sind dann auch Aussagen möglich, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären, wie die Aussage von Außenminister Wadephul, Russland werde auf ewig unser Feind bleiben, oder noch extremer die Frage eines renommierten Korrespondenten der Frankfurter Allgemeinen an den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyi: „Können Sie uns Europäern konkret sagen, was wir tun können, um ihnen zu helfen mehr Russen zu töten.“

Was kann man diesem propaganda-geprägten Zeitgeist entgegensetze? Und wer kann das tun?

Schon im Alten Testament waren es die Propheten, die den Königen widersprochen haben, wenn die sich zu militärischen Abenteuern hinreißen ließen. Sie waren auch die stetigen Mahner gegen soziale Ungerechtigkeit. Die Propheten waren die – leider nicht immer erfolgreichen – Gegenspieler der offiziellen Staatsmacht. Diese Rolle der Propheten im Alten Testament ist in nachbiblischer Zeit den Kirchen zugefallen. Sie haben diese Aufgabe durchaus angenommen, auch wenn sie ihr oft genug nicht gerecht geworden sind und stattdessen obrigkeitstreu die zerstörerischen Bestrebungen der jeweiligen Staatsführer nicht nur geduldet, sondern sogar moralisch gerechtfertigt und gestützt haben. Doch schon zur Zeit der alttestamentarischen Propheten gab es immer auch falsche Propheten, die den jeweiligen Machthabern nach dem Munde geredet haben.

Wie sähe denn prophetisches Reden in der Gegenwart aus? Niemand wird annehmen, dass sich die Bischöfe und Präsides unserer Kirchen in meditative Klausur begeben, um einer göttlichen Eingebung zu lauschen. Stattdessen kommt es wohl darauf an, das, was wir als Gottes Willen auch aus den alten Überlieferungen kennen, in die Gegenwart hinein zu verkünden. Das ist nicht an kirchliche Ämter gebunden, wie schon die Propheten der Bibel nicht solche Amtsträger waren. Und was wäre dann in unsere Zeit hinein zu verkünden?

1) Gewalt ist keine Lösung. Das ist eine der Grunderkenntnisse der Heiligen Schrift. Wir können das schon in der Urgeschichte lesen. Da gibt es etwa die Sintflut-Erzählung. Sie ist keine Erfindung des Alten Testaments. Vielmehr war sie im alten Orient weit verbreitet. Sie erzählt, wie der strenge Rachegott die Menschen für ihren Ungehorsam bestraft. Die Bibel nimmt diese Geschichte einfach auf, versieht sie aber mit einem entscheidenden Clou. Da heißt es nämlich ganz am Ende: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. (1.Mo. 8, 21) Das heißt doch nichts anderes als: Der gewaltsame Vernichtungsschlag hat nichts gebracht. Er hat das Böse nicht besiegt. Mit dem Bösen in der Welt muss man anders umgehen.

Fast am Ende der Evangelien des Neuen Testaments sagt Jesus dann zu einem seiner Nachfolger, als dieser ihn mit Waffengewalt vor der Verhaftung durch die Garde des Hohen Priesters schützen will: Stecke dein Schwert an seinen Platz. Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen. (Mt. 26, 52) Dazwischen gibt es etliche Beispiele in der Bibel, die aufzeigen, dass die Anwendung von Gewalt nicht von Erfolg gekrönt ist, sondern das Gegenteil bewirkt. Bei der Landnahme versuchen die Israelis vergeblich mit militärischen Bemühungen die Mauern von Jericho zum Einsturz zu bringen. Zum Erfolg führt erst der Einsatz des Posaunenchores. Israel hat im Laufe seiner Geschichte mehrfach versucht, sich durch ein Militärbündnis mit der Großmacht Ägypten vor einer feindlichen Invasion zu schützen. Das führte einmal zum endgültigen Ende des Staates Israel. Nur das lediglich zwei der zwölf Stämme repräsentierende Juda blieb über. Aber sie begangen den gleichen Fehler, was zur Plünderung Jerusalems und der Deportation der Oberschicht in die Babylonische Gefangenschaft führte. Schließlich führte der bewaffnete Aufstand gegen die römische Herrschaft zum endgültigen Ende der Staatlichkeit für 1900 Jahre. Judäa wurde nach dem israelischen Erzfeind, der Philister in Palästina umbenannt, und Juden war es unter Androhung der Todesstrafe verboten, Jerusalem zu betreten. Es gibt etliche weitere Geschichten in der Bibel, die alle zum gleichen Schluss kommen: Gewalt ist keine Lösung. Sie befreit nicht vom Bösen, sondern führt nur zu neuer, stärkerer Gewalt.

2) Feindesliebe. Gott schuf die Menschen zu seinem Bilde, nicht nur seine Nachfolger. Er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte. Alle Menschen sind Kinder Gottes. Das gipfelt im Gebot Jesu: Liebet eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen. (Mt. 5,44) Der Eindeutigkeit dieses Gebotes wäre eigentlich nichts zuzufügen, gäbe es nicht auch in der Bibel genügend Belege dafür, dass es böse Feinde gibt, die oft genug verwunschen werden. Und haben Sie nicht selbst auch schon einmal einem Widersacher die Pest an den Hals gewünscht, wie man so sagt? Bei näherem Hinsehen zeigt sich aber: Israel hat oft über erlittenes Unrecht geklagt und sich vor Bedrohungen gefürchtet. Aber sie haben, wenn es richtig lief, diese Klage an Gott gewandt. Gott möge ihnen Recht schaffen. Selbst Hand anzulegen gegen ihre Feinde stand dem Volk Gottes nicht zu. Das stand allein in der Verfügungsgewalt Gottes, der aber – wie wir ja gesehen haben – der Gewalt abgeschworen hat. Ich werde gleich noch etwas zum Umgang mit einem vermeintlichen Gegner sagen.

Belassen wir es zunächst bei diesen beiden Punkten. „Gewalt ist keine Lösung“ und „liebet eure Feinde“. Dies laut und vernehmlich zu verkündigen, in erster Linie an die Adresse der Machthabenden wäre also die Aufgabe unserer Kirche in Wahrnehmung ihres prophetischen Amtes. Nun ist zu Beginn des Jahres eine EKD-Denkschrift erschienen, die diese Aufgabe hätte erfüllen können. Aber die EKD-Führung hat sich als falsche Propheten erwiesen. Sie haben, statt die Botschaft der Heiligen Schrift zu verkünden, wieder einmal den Machthabenden nach dem Munde geredet. Ich möchte hier nicht weiter auf die bellizistischen Aussagen der Denkschrift Eingehen.

Exkurs 1: Die bellizistischen Aussagen der EKD-Denkschrift:
    • Die Denkschrift rechtfertigt einen militärischen Angriffskrieg. Zwar soll dieser gut begründet sein. Dabei übersieht die Denkschrift aber, dass kein neuzeitlicher Angriffskrieg ohne eine solche Begründung geführt worden ist. Zwar wird z.B. kritisch erwähnt, dass der Krieg gegen den Irak mit einer Lüge begründet wurde (angebliche Massenvernichtungswaffen Husseins), die Kritik bezieht sich aber nur auf die Begründung, nicht auf den Krieg selbst. Als Kernaussage bleibt stehen: die „Erstanwendung militärischer Gewalt ist…aus Sicht protestantischer Ethik weiterhin geboten“ (S.63) Und: „aus ethischer wie völkerrechtlicher Perspektive (kann) eine präventive militärische Reaktion gerechtfertigt sein.“ (S.116)
    • Die Denkschrift distanziert sich nicht klar von der atomaren Rüstung. „auf nuklearen Schutz gänzlich zu verzichten, wäre sicherheitspolitisch kaum zu verantworten.“ Und „Auch die nukleare Teilhabe oder der Besitz von Nuklearwaffen kann…eine ethisch begründbare Entscheidung sein.“ (beides S.114) Die verheerenden Auswirkungen eines nuklearen Waffeneinsatzes scheinen sich dabei nur auf die Atomwaffen eines vermeintlichen Feindes zu beziehen. So wird etwa in der Vermutung, der Iran könne bestrebt sein solche Waffen zu entwickeln, eine existenzielle Bedrohung gesehen, während die Tatsache, dass Israel bereits im Besitz von Atomwaffen ist, unerwähnt bleibt. Dass der Besitz eigener Atomwaffen einen potenziellen Gegner erst dazu bringen kann, selbst über solche Waffen verfügen zu wollen, wird nicht in den Blick genommen. Wenn in anderem Zusammenhang davon die Rede ist, dass alle militärischen Aktionen immer auf ihre Verhältnismäßigkeit hin überprüft werden müssen, also potentielle Opfer mit den zu erreichenden Kriegszielen vereinbar sein sollen, kann das mit Blick auf Atomwaffen nur bedeuten, dass Herstellung und Besitz, Entwicklung und Verbreitung generell geächtet werden. Das tut die Denkschrift nicht.
    • Die Denkschrift hält Rüstungsexporte und sogar Waffenlieferungen in Krisen- und Kriegsgebiete für vertretbar. „Festzuhalten ist, dass aus prinzipiellen Erwägungen…die Lieferung von Waffen geboten sein kann.“ (S.121) Bei allen Einschränkungen und Bedenken, die die Denkschrift damit verbindet kommen die Profitinteressen der Rüstungsindustrie nicht in den Blick. Historisch hätten die Bestrebungen der Fa. Krupp zum Beginn des ersten Weltkriegs ebenso dazu Anlass geboten, wie die aktuellen Interessen von Firmen wie Rheinmetall u.a. Dabei müsste den Mitgliedern der Redaktion durchaus bekannt sein, dass solche Firmen an der Entstehung von Konflikten in verschiedenen Regionen der Welt beteiligt sind, um dann dorthin ihre Produkte liefern zu können.
    • Die Denkschrift fordert die massive Aufrüstung der Bundeswehr. Dazu stellt sie zunächst fest, „dass eine ausreichende Ausstattung der Bundeswehr für einen Verteidigungsfall derzeit nicht gegeben ist.“ (S.64) Diese von Vertretern des Militärs und der Rüstungsindustrie aufgestellte Behauptung wird kritiklos übernommen, während das Stockholmer Friedensforschungsinstitut und andere unabhängige Wissenschaftler schon jetzt glaubhaft eine mehrfache Überlegenheit allein der europäischen NATO-Staaten (ohne die USA) gegenüber Russland darlegen. Die Verfasser sagen aber, es gelte, „eigene Fähigkeiten zur Landes- und Bündnisverteidigung substanziell auszubauen.“ (S.128) Dabei ist durchaus im Blick, dass „Mittel, die verstärkt in Rüstung und Verteidigung fließen“ (S.78) an anderer Stelle fehlen. Das könne den sozialen Frieden gefährden. Wie dem konkret entgegengewirkt werden soll, bleibt aber offen.
    • Die Denkschrift spricht sich für die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht aus, in deren Rahmen dem Militärdienst eine vorrangige Rolle zukommt. In Abgrenzung zu früheren kirchlichen Verlautbarungen distanzieren sich die VerfasserInnen von der Aussage „dass eine außerhalb der Bundeswehr abgeleistete Dienstpflicht das deutlichere Zeichen christlichen Einsatzes für den Frieden darstellt.“ (S.135) Im Gegenteil legt „der Schutz vor Gewalt…eine…Priorisierung für den Dienst in der Bundeswehr unmittelbar nahe“. (S.135) „Insofern dienen Soldatinnen und Soldaten dem Gerechten Frieden.“ (S.137)
    • Die Denkschrift ist sich der schädlichen Wirkung von Propaganda auf die Friedensfähigkeit der Bevölkerung durchaus bewusst. Allerdings gilt das nur für von außen eindringende ´Feindpropaganda`. Das eigene Verbreiten von Feindbildern wird ebenso wenig hinterfragt wie der Abbruch zivilgesellschaftlicher Kontakte zum vermeintlichen Gegner. Dass in unserer Gesellschaft kritische Journalisten, die eine andere Meinung vertreten als der Mainstream aus dem öffentlichen Diskurs herausgedrängt werden (Beispiel Crone-Schmalz) wird nicht gesehen. Der Begriff der Kriegstüchtigkeit nimmt dagegen „ein Anliegen auf, das mit der hier entwickelten Position vereinbar ist.“ (S.65) Den VerfasserInnen ist dabei wohl nicht bewusst, dass dieser Begriff nicht erst von Boris Pistorius, sondern von Josef Göbbels in den 30iger Jahren zur Vorbereitung auf den 2. Weltkrieg geprägt worden ist. (Umdenkschrift II, S. 84-86)
Exkurs 2: Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs- Bündnis- und Verteidigungsfall
Im Frühjahr erschien dann noch die nicht für die Öffentlichkeit bestimmte gemeinsam von der EKD und der katholischen Bischofskonferenz herausgegebene Schrift: Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs- Bündnis- und Verteidigungsfall. Sie ist zu verstehen als kirchlicher Beitrag zum Operationsplan Deutschland, in dem alle zivilgesellschaftlichen Bereiche, also Gesundheits- und Bildungswesen, Logistik und Verkehr und vieles mehr in die Kriegsvorbereitung einbezogen werden. Darin wird zum Beispiel gefordert, dass die Kirche genügend entsprechend geschultes Personal zur Verfügung stellt, um Massenbestattungen an der Nato-Ostflanke vorzunehmen, Verwundetentransporte zu begleiten, Heldengedenkfeiern in der Heimat vorzunehmen, Das Personal der Kriegsgefangenenlager zu betreuen, wobei die Betreuung der Gefangenen selbst nicht zu ihren Aufgaben gehört. In der Heimat hinter der Front hat die Kirche ihren Beitrag dazu zu leisten, das Volk bei Laune zu halten und der Kriegsmüdigkeit vorzubeugen.

Glücklicherweise hat es schnell nach Erscheinen dieser Schrift eine Fülle von Widersprüchen gegeben. Die solidarische Kirche im Rheinland hat solche Stellungnahmen gesammelt und in inzwischen drei Bänden unter dem Titel „Umdenkschrift zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden“ herausgegeben. Denjenigen, die noch Lust haben, sich weiter damit zu beschäftigen, seien diese Bücher wärmsten empfohlen. Daneben erschien im Sommer die ökumenische Friedensschrift „Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden“ (In Band drei der Umdenkschrift, S. 276-333, enthalten) Sie verbindet biblische Aussagen mit den Erkenntnissen der säkularen Friedensforschung und setzt sich bewusst von der Denkschrift der EKD ab. Die Verfasser sehen sich „im Kontrast zu einer von Gewalt und Ungerechtigkeit geprägten Gesellschaft. Die Kirche ist loyal gegenüber Jesus Christus, nicht gegenüber politischen Systemen. Sie widerspricht der Vergötzung von Macht und Gewalt und stellt sich an die Seite der Leidenden, der Armen und der Menschen, die Frieden mit gewaltfreien Mitteln erreichen wollen.“ (S.11)

Diese Schrift arbeitet mit vielen biblischen Bezügen. Da gibt es in diesem Zusammenhang erwartbare Bezugspunkte wie das Prophetenwort von den Schwertern zu Pflugscharen und der Ansage, dass die Angehörigen des Gottesvolkes nicht mehr lernen, Krieg zu führen und es gibt natürlich Jesu Gebot der Feindesliebe. Daneben findet sich aber auch der Hinweis auf zwei in diesem Zusammenhang seltener herangezogenen Jesusworte, die in ihrer unmittelbaren Übertragbarkeit bestechend sind:

1) Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?… Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen! (Mt.7, 3-5) Die Verfasser meinen, um den Balken im eigenen Auge zu sehen, braucht es einen Perspektivwechsel. Der Balken beschränkt nämlich die eigene Wahrnehmung. Erst wenn man sich mit den Augen des Gegenübers wahrzunehmen versucht, wird man die eigenen Fehler erkennen und sich eingestehen. In den säkularen Wissenschaften ist die Bedeutung des eigenen Standortes für die Beurteilung der Dinge längst bekannt. Aber fragen wir uns einmal: Was nehmen Menschen in Russland wahr,

  • Wenn die USA fast 10-mal so viel Geld für Rüstung ausgeben wie Russland
  • Wenn vor allem der Westen seit 2001 Verträge zur Rüstungskontrolle aufgekündigt oder gar nicht erst unterzeichnet hat, von Russland angebotene Kontrollinspektionen sowie neue Aufforderungen zur Abrüstung ignoriert hat
  • Wenn weitreichende Hyperschallwaffen mit präventiver Erstschlagoption an der russischen Westgrenze stationiert werden sollen

Die Reihe ließe sich sicherlich problemlos fortsetzen. Die zweite herangezogenen Bibelstelle ist die so genannte Goldene Regel. Sie geht in eine ganz ähnliche Richtung.

2) Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen. (Mt. 7,12)

Die Umsetzung dieser Regel ist nun unmittelbar einleuchtend.

  • Ich möchte nicht von außen bedroht werden, also werde ich auch niemand anderen bedrohen. Das Prinzip der militärischen Abschreckung wird aufgegeben.
  • Ich möchte überall auf der Welt freien Handel betreiben können. Lassen wir einmal unberücksichtigt, dass dieser Wunsch in sich durchaus fragwürdig ist, dann bedeutet er: Ich verzichte auf die unsägliche Sanktionspolitik, unter der ohnehin vornehmlich die ärmsten Menschen in den betroffenen Regionen leiden.
  • Ich möchte nicht beschimpft, beleidigt oder zu Unrecht beschuldigt werden. Also werde auch ich auf die abfällige Darstellung meines Gegenübers verzichten.

Ein solches Wort in die in Unordnung geratene Welt zu sprechen, hätte der EKD-Führung sicherlich gutgetan. Stattdessen aber hat sie dem Mythos von der erlösenden Gewalt, der laut dem amerikanischen Theologen Walter Wink am weitesten verbreiteten Religion der Welt, das Wort geredet. Die ökumenische Friedensschrift setzt dem noch die von Hanne-Margret Birckenbach entwickelte Friedenslogik entgegen, die zu entfalten hier den Rahmen sprengen würde. Fragen wir stattdessen zum Abschluss noch: Was kann ich daraus lernen? Wie soll ich als einzelner kleiner Mensch mich in dieser gesellschaftlichen Situation verhalten?

  • Bleiben Sie kritisch gegenüber dem, was man uns einreden will über den bösen Feind und die Notwendigkeit der eigenen Gegenwehr.
  • Glauben Sie nicht dem Mythos der erlösenden Gewalt
  • Engagieren Sie sich in Ihrer Gemeinde oder einer sonstigen Gemeinschaft. Wir sind nicht allein. Sprechen Sie dabei immer wieder den Wunsch nach dem Abbau von Konfrontationen und dem Einsatz für den Frieden an.
  • Beteiligen Sie sich an den öffentlichen Aktionen für den Frieden und wandern Sie nicht ab in die emotionale Emigration. Immer noch ist eine deutliche Mehrheit unserer Bevölkerung gegen die Hochrüstung und Kriegsvorbereitung. Aber viele halten das nicht aus und flüchten stattdessen nur noch in kurzfristige Vergnügungen. Es ist doch beschämend, wenn zum Konzert der Toten Hosen 20.000 Menschen, zum Christopher Street Day 30.000 und zu einem Heimspiel des SV Werder 40.000 Menschen kommen, aber zur Kundgebung anlässlich des Antikriegstages oder zum Ostermarsch nur ein paar Hundert. Ihre Beteiligung an solchen Veranstaltungen und Demonstrationen gibt dagegen Ihnen selbst das Gefühl nicht allein zu sein. Es hilft Ihnen auch im Einklang mit Ihrem Gewissen zu leben.
  • Haben Sie keine Angst davor, diskriminiert oder verlacht zu werden oder gar Nachteile im Beruf und gesellschaftlichen Ansehen zu erleiden. Jesus sagt: Seid fröhlich und getrost…Denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch gewesen sind. (Mt. 5,12)
  • Lassen Sie sich also nicht entmutigen. Der Herr über Himmel und Erde, über Leben und Tod wird uns nicht allein lassen.

Wilfried Preuß-Hardow

Download des Textes im Original (PDF) (Link)

Dazu passend ein Veranstaltungtipp: „Frieden schaffen ohne Waffen!? Hat der christliche Pazifismus ausgedient?“ (Link)

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