Wir dokumentieren die Buchempfehlung einer unserer Leserinnen, die an den Sozialverband Deutschland (SoVD) geschrieben hat.
Liebe [SoVD – ]Redaktion,
auf Seite 18 Unterhaltung [ihrer Mitgliederzeitschrift] wird das Buch „Wofür ich immer kämpfen würde“ von Simon Engel vorgestellt .
Ich möchte dieses Buch nicht gewinnen!
Mein Buchtipp für Sie ist „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“ von Ole Nymoen [(Link)], einem Spiegel Bestseller-Autor. Ein starkes Plädoyer gegen den Kriegseinsatz.
Dies schreibe ich Ihnen als Tochter eines Vaters, der 1942 nach Russland musste und mit einer 100igen Behinderung ein total verändertes Leben ertragen und meistern musste – und wir als Familie mit ihm.
Mit freundlichen Grüßen
Ursula Sundmacher
Sehr geehrte Frau Sundmacher,
ich habe Ihre Nachricht aufmerksam gelesen und möchte Ihnen persönlich antworten. Wenn Sie mir von Ihrem Vater und den Folgen seines Kriegseinsatzes erzählen, verdient das mehr als eine allgemeine Erklärung darüber, weshalb ich Soldat bin.
Dass Ihr Vater 1942 nach Russland geschickt wurde, mit schwersten bleibenden Behinderungen zurückkehrte und damit auch das Leben Ihrer Familie unwiderruflich verändert wurde, hat mich sehr berührt. Krieg endet für eine Familie nicht mit einem Waffenstillstand. Er kann im Alltag weiterwirken: wenn ein Mensch Hilfe bei Dingen braucht, die zuvor selbstverständlich waren, wenn Angehörige über Jahre Pflege übernehmen oder wenn gemeinsame Möglichkeiten durch die Folgen einer Verwundung begrenzt werden. Welche Erfahrungen Ihre Familie im Einzelnen gemacht hat, weiß ich nicht. Aber ich nehme das Leid, von dem Sie berichten, und Ihre daraus entstandene Haltung sehr ernst.
Mein Buch "Wofür ich immer kämpfen würde" darf Widerspruch hervorrufen. Gerade bei der Frage, unter welchen Umständen Menschen militärische Gewalt anwenden dürfen, brauchen wir diesen Widerspruch. Eine demokratische Debatte wäre unvollständig, wenn militärische Erwägungen darin Platz hätten, die lebenslangen Erfahrungen betroffener Familien aber nicht.
Vielleicht liegt zwischen Ihrer Haltung und meiner dennoch mehr Nähe, als es zunächst scheint. Auch für mich ist Krieg kein Abenteuer und Gewalt darf niemals verherrlicht werden. Hinter einem Wort wie „Verlust“ stehen beispielsweise ein leerer Platz am Küchentisch, ein Partner, der allein zurückbleibt, oder ein Kind, dessen Vater nie wieder zur Tür hereinkommt. Wer über Verteidigungsbereitschaft spricht, muss diese Wirklichkeit mitdenken. Andernfalls spricht er zu leichtfertig darüber.
Ich möchte Ihnen allerdings kein bestimmtes Verständnis von Pazifismus unterstellen, denn ich kenne sie ja nicht. Gewaltfreiheit kann sehr viel Mut verlangen: Wer Verfolgte versteckt, Verletzte versorgt, einen Kriegsdienst verweigert oder sich unbewaffnet einer gewalttätigen Macht widersetzt, handelt keineswegs notwendig passiv. Auch Verhandlungen, ziviler Widerstand und humanitäre Hilfe können Menschen schützen. Meine Frage beginnt dort, wo solche Mittel eine konkrete Gewalttat nicht rechtzeitig verhindern können.
Stellen wir uns vor, bewaffnete Männer wollen Menschen aus einem Haus verschleppen. Zunächst muss alles versucht werden, was die Bewohner ohne zusätzliche Gewalt schützt: sie warnen, ihnen zur Flucht verhelfen, Hilfe holen oder die Angreifer zum Abbruch bewegen. Wenn das gelingt, wäre Gewalt unnötig und unverhältnismäßig. Wenn die Angreifer aber weitermachen und nur ein bewaffnetes Eingreifen die Verschleppung noch verhindern könnte, müsste ich entscheiden, ob ich dazu bereit bin. In einer solchen Situation könnte ich den Verzicht auf Gewalt nicht unabhängig von den Folgen für die bedrohten Menschen beurteilen.
Dieses Beispiel löst selbstverständlich nicht die Frage nach einem ganzen Krieg. Ein militärischer Einsatz ist unübersichtlicher, seine Folgen reichen weiter, und auch vermeintlich gute Absichten können in eine Katastrophe führen. Gerade deshalb genügt es nicht zu sagen: „Wir wollen helfen.“ Es muss geprüft werden, ob ein Eingreifen tatsächlich Schutz verspricht, welche Menschen dadurch zusätzlich gefährdet werden und welche weniger schädlichen Möglichkeiten bestehen. Wenn beispielsweise eine Evakuierung Menschen sicher retten kann, wäre ein Angriff, der dieselben Menschen gefährdet, keine verantwortliche Wahl.
Der Unterschied zwischen unseren Schlussfolgerungen liegt deshalb möglicherweise darin, ob militärische Gewalt unter eng begrenzten Umständen ein verantwortbares Mittel zum Schutz sein kann. Mein Ja dazu bleibt an Bedingungen gebunden. Eine Einheit einer Verteidigungsarmee, die einen Fluchtweg sichert, damit Familien ein beschossenes Gebiet verlassen können, erfüllt einen anderen Zweck als eine Einheit einer Angriffsarmee, die in ein Nachbarland einmarschiert, um dessen Bevölkerung zu unterwerfen. Beide tragen Waffen. Aber die bloße Gleichheit des Mittels macht ihre Handlungen moralisch nicht gleich.
Dabei möchte ich eine Formulierung präzisieren, die mir wichtig ist: Einem angegriffenen Menschen wird die Gewaltsituation aufgezwungen. Wie er darauf reagiert, bleibt eine schwierige Entscheidung. Er kann fliehen, sich verstecken, Widerstand leisten, kämpfen oder versuchen, den Angreifer umzustimmen. Aber: Keine dieser Möglichkeiten steht allen Menschen gleichermaßen offen. Eine bettlägerige Frau kann ihre Wohnung nicht einfach verlassen. Ein Kind kann sich nicht selbst in Sicherheit bringen. Für solche Menschen hängt die Möglichkeit zu überleben häufig davon ab, was andere tun.
Gerade ihnen gegenüber empfinde ich Verantwortung. Wenn ich von Verteidigung spreche, denke ich beispielsweise an die Bewohner eines Pflegeheims, die für eine Evakuierung Fahrzeuge, medizinische Versorgung und einen sicheren Weg benötigen. Manche brauchen Sauerstoff, andere verstehen aufgrund einer Demenz nicht, weshalb sie ihr Zimmer verlassen sollen. Diplomatie und humanitäre Hilfe bleiben unverzichtbar. Wird die Evakuierung jedoch gewaltsam oder gar mit Waffengewalt verhindert, wenn die Menschen nicht mehr nur vertrieben, sondern getötet werden sollen, kann zusätzlich bewaffneter Schutz notwendig werden, damit die Hilfe überhaupt ankommt und diese Unschuldigen Menschen nicht erschossen werden.
Natürlich kann auch dieser Schutz scheitern oder neues Leid verursachen. Wenn eine militärische Handlung die Menschen, die sie retten soll, einer noch größeren Gefahr aussetzt, muss sie hinterfragt und gegebenenfalls unterlassen werden. Verantwortung bedeutet für mich deshalb auch, einen Angriff abzubrechen, wenn unerwartet Zivilisten im Gefahrenbereich auftauchen, oder eine Vorgehensweise zu ändern, wenn ihre Folgen nicht mehr vertretbar sind. Die Behauptung, auf der richtigen Seite zu stehen, ersetzt diese Prüfung nicht.
Für mich persönlich liegt die schwierigste Frage darin, wer die Folgen meiner Entscheidung trägt. Ich kann als Pazifist dazu bereit sein, selbst ein Unrecht zu erleiden, bevor ich einem anderen Menschen Gewalt antue. Schwieriger wird es, wenn ich über die Sicherheit eines Dritten mitentscheide. Würde vor meinen Augen ein wehrloser Mensch schwer angegriffen, müsste ich versuchen, ihn zu schützen. Zunächst mit den schonendsten wirksamen Mitteln. Wenn diese nicht ausreichen, könnte aber auch körperliches Eingreifen erforderlich sein. Diesen Schutzgedanken nehme ich in meine Vorstellung soldatischer Verantwortung mit, ohne damit jede militärische Handlung zu rechtfertigen.
Ich weiß, dass ein überzeugter Pazifist auch darauf eine ernsthafte Antwort geben kann: dass Gewalt neue Gewalt erzeugt, dass Waffen die Eskalation erleichtern und dass Menschen ihre eigenen guten Absichten häufig überschätzen. Diese Einwände treffen reale Gefahren. Wenn beispielsweise eine militärische Reaktion aus einer begrenzten Bedrohung einen weit größeren Krieg entstehen lässt, wäre mit dem Hinweis auf eine Schutzabsicht wenig gewonnen. Deshalb gehören Zurückhaltung, Verhandlungen und die Prüfung möglicher Folgen für mich zur Verteidigungsverantwortung dazu.
Besonders wichtig ist mir die historische Unterscheidung. Ihr Vater wurde von einer Diktatur in einen verbrecherischen Angriffs- und Vernichtungskrieg geschickt. Damit ist nichts über seine persönliche Verantwortung im Einzelnen gesagt, denn darüber steht mir kein Urteil zu.
Für meine eigene Verantwortung heute ist aber entscheidend, dass die Bundesrepublik rechtliche Grenzen gezogen hat: Das Grundgesetz erklärt die Vorbereitung eines Angriffskrieges für verfassungswidrig, das Völkerstrafgesetzbuch stellt das Verbrechen der Aggression unter Strafe. Der Wunsch einer politischen Führung, fremdes Gebiet zu erobern, könnte einen solchen Krieg also niemals rechtfertigen.
Gesetze allein garantieren allerdings noch kein richtiges Handeln. Sie müssen auch dann gelten, wenn ihre Beachtung unbequem wird. Würde einem Soldaten befohlen, unbewaffnete Gefangene zu erschießen, dürfte er diesen Befehl nicht ausführen. Das Soldatengesetz untersagt den Gehorsam, wenn dadurch eine Straftat begangen würde. Meine Uniform nimmt mir diese Verantwortung nicht ab. Sie macht es umso notwendiger, dass ich meine Grenzen kenne und für mein Handeln einstehe.
Auch eine rechtmäßige Verteidigung erlaubt deshalb keineswegs jedes Mittel. Wer sich ergibt, darf nicht aus Rache getötet werden. Ein verwundeter Gegner bleibt ein Mensch, der Hilfe benötigt. Wenn von einem Angreifer keine unmittelbare Gefahr mehr ausgeht, rechtfertigt die vorausgegangene Bedrohung keine Vergeltung. Gerade an solchen Entscheidungen zeigt sich, ob der erklärte Schutzgedanke das Handeln tatsächlich bestimmt.
Wenn ich heute von Verteidigungsbereitschaft spreche, meine ich konkrete Freiheiten im Alltag: dass eine Journalistin die Regierung kritisieren kann, ohne verschleppt zu werden. Oder dass eine religiöse Minderheit ihren Glauben leben kann. Dass Menschen selbst entscheiden dürfen, wen sie lieben. Dazu gehört ausdrücklich auch, dass jemand vor einer Kaserne friedlich gegen die Bundeswehr demonstrieren oder mein Buch öffentlich ablehnen darf. Der Schutz dieser Freiheit darf nicht davon abhängen, ob die Betroffenen meine Überzeugungen teilen.
Die Lehre aus der Geschichte enthält für mich deshalb zwei Verpflichtungen, die nicht immer bequem zusammenpassen: Deutschland darf keinen Angriffskrieg führen. Zugleich müssen wir fragen, wie Menschen vor gewaltsamer Unterwerfung geschützt werden können. Die Aufnahme Verfolgter, diplomatischer Druck, humanitäre Hilfe und Unterstützung gewaltfreien Widerstands sind konkrete Antworten darauf. In einer äußersten Bedrohungslage kann aus meiner Sicht auch militärische Verteidigung hinzukommen. Ob sie im jeweiligen Fall verantwortbar ist, muss begründet werden.
Ich wünsche mir ebenso wie Sie eine Welt, in der kein Vater schwer verwundet aus einem Krieg zurückkehrt und kein Kind mit den Folgen dieses Krieges aufwachsen muss. Zugleich denke ich an Familien, die bedroht werden, obwohl sie selbst friedlich leben wollen. Ein Vater, der jede Gewalt ablehnt, sollte nicht gezwungen sein, selbst zur Waffe zu greifen, um seine Kinder zu schützen. Andere können unterschiedliche Aufgaben übernehmen: Menschen aufnehmen, Verletzte behandeln, vermitteln oder einen Fluchtweg sichern. Für mich kann zu dieser Verantwortung im äußersten Fall auch bewaffneter Schutz gehören, damit genau diese Väter nicht traumatisiert oder die pazifistischen Väter nicht getötet werden und nicht mit ansehen müssen, wie ihre eigenen Kinder getötet werden.
Das macht eine pazifistische Haltung nicht weniger wertvoll. Eine Gesellschaft braucht Menschen, die früh widersprechen, wenn militärische Gewalt als einfache Lösung erscheint. Wer darauf besteht, zunächst einen Gefangenenaustausch auszuhandeln, eine Waffenruhe zu ermöglichen oder einen sicheren Fluchtweg zu vereinbaren, kann damit Leben retten. Diesen Widerspruch möchte ich hören, gerade weil mein Beruf mich verpflichtet, über den verantwortungsvollen Einsatz von Gewalt nachzudenken.
Ich erwarte nicht, dass irgendwer durch die Lektüre meines Buches meine Haltung übernimmt. Sie dürfen weiterhin sagen: „Ich verstehe Ihren Gedanken, aber ich lehne Ihre Schlussfolgerung ab.“ Mein Respekt vor Ihnen hängt nicht von Ihrer Zustimmung ab.
Ich hoffe, dass Sie in meinem Buch das Ringen mit einer schwierigen Verantwortung erkennen. Dazu gehört für mich auch die Frage, wann ein Soldat auf Gewalt verzichten muss: wenn sie unnötig wäre, wenn sie Unschuldige unverhältnismäßig gefährdet oder wenn ein anderer Weg auch wirksam schützen könnte. Genau deswegen brauchen Streitkräfte eine funktionierende Zivilgesellschaft die mit ihren Streitkräften kooperiert. Verteidigungsbereitschaft muss immer auch die Bereitschaft einschließen, sich zu begrenzen.
Danke, dass Sie mit Ihrer Nachricht daran erinnern, worüber wir sprechen, wenn wir über Krieg sprechen: über Menschen, deren Alltag für immer verändert wird. Und auch über Angehörige, die Pflege und Verantwortung übernehmen. Und über die Kinder, die mit den Verletzungen ihrer Eltern leben. Ihre Familiengeschichte darf in einer solchen Debatte nicht zu einer Randbemerkung werden. Sie gehört als inhärenter, feststehender Bestandteil dazu. So wie meine Bereitschaft, das alles nicht kampflos aufzugeben, sondern im Ernstfall zu schützen.
Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute.
Mit aufrichtigem Respekt
Ich gehe davon aus, dass es der Oberleutnant selbst geschrieben hat, das Buch und den Brief. Beweisen kann ich das nicht, es könnte auch KI der „kognitiven Kriegsführung der NATO“ sein.
Was tut ein Oberleutnant, wenn ihm in der Hierarchie Befehle erteilt werden, die er seinen Ausführungen nach nicht befolgen kann, aus moralischen Gründen oder weil er in Bezug auf sein Buch auch als „Bürger in Uniform“ bezeichnet wird?
Er muss diese befolgen, seien sie noch so unsinnig. Wie im WK neulich einer schrieb, der in die Brigade nach Litauen gehen wollte, was dem 2+4-Vertrag widerspricht: „Ich frage nicht, warum, sondern wann?“
Generäle, Oberstleutnante, Generaloberste, Oberste, Majore und Hauptmänner stehen im Rang über ihm.
Jeder kann ihm befehlen, was er machen muss. Muss! Im sogenannten Ernstfall sowieso. In meinen Augen ist es seine Taktik: Er gibt sich berührt, er leidet mit, er nimmt ernst, er toleriert ihre Haltung, er tritt für eine demokratische Debatte mit Pro und Contra ein.
Wie macht er das in der Realität seines Berufes, die das Töten und Getötetwerden einschließt und einübt?
„Gewalt darf nicht verherrlicht werden.“ Er möchte kämpfen, wenn „konkrete Gewalttaten nicht rechtzeitig verhindert“ werden können. „Kriegstüchtigkeit“ und „Wir wollen Russland besiegen“ sind Aufrufe zur Gewalttätigkeit.
Wie er damit umgeht, schreibt er nicht.
„Es muss geprüft werden, ob ein Eingreifen tatsächlich Schutz verspricht, […]“
Wie verlief das in Jugoslawien oder in Afghanistan, als Deutschland im Hindukusch verteidigt wurde?
Das wurde nicht vorher und auch nicht hinterher überprüft. Und vor allem: Wer prüft das denn? Ein Oberleutnant als Berufssoldat doch sicher nicht.
Das Parlament müsste, tut es aber nicht: Die Ukraine wird gegen den Willen der Ukrainer und auch der Deutschen im Krieg unterstützt.
Nützt das wem außer der Rüstungslobby?
Herr Engel argumentiert mit Moral. Teilweise hat er gute Vorschläge, die sich in den Kriegen der letzten Jahrzehnte leider als vollkommen illusorisch herausgestellt haben.
Zitat: „Verantwortung bedeutet für mich deshalb auch, einen Angriff abzubrechen, wenn unerwartet Zivilisten im Gefahrenbereich auftauchen, oder eine Vorgehensweise zu ändern, wenn ihre Folgen nicht mehr vertretbar sind. Die Behauptung, auf der richtigen Seite zu stehen, ersetzt diese Prüfung nicht.“
Da möchte man die Palästinenser/Zivilisten und Siedler im Gazastreifen befragen. Aber die israelische Armee hat offenbar zu wenige solche Oberleutnante mit Skrupeln.
„Verteidigungsfall muss begründet werden.“ Ich weiß nicht, wo und wie Herr Engel medial unterwegs ist. Wie von der realen Welt hört sich das nicht an. Im Gegenteil, der Brief trieft von unbewiesenem Vertrauen gegenüber allen, die ihn später auch unbegründet oder unter Darbietung aller Propagandalügen irgendwo hinschicken, wo „unsere Freiheit verteidigt“ werden soll.
Heute werden schon Waffen geliefert. Mir reicht es nicht, dass uns erlaubt ist, vor Kasernen zu demonstrieren und Leserbriefe zu schreiben. Und laut Grundgesetz sind Parteien da, um an der Meinungsbildung des Volkes mitzuwirken. Mehr nicht.
Der Brief zeigt keine Lösungen auf, spricht mit keinem Wort von Diplomatie, Völkerrecht, Verhandlungen, er wiederholt nur das, was vor 50 Jahren schon den Kriegsdienstverweigerern in den Prüfungen versucht wurde einzutrichtern: Wenn du Gewalt verhindern willst, dann musst du auch bereit sein, ebenfalls Gewalt einzusetzen. Hast du das bejaht, dann warst du tauglich.
Leider zeigt der Brief auch nicht auf, wie Herr Oberleutnant seine Ideen in der Bundeswehr und gegenüber Herrn Pistorius und Co bewirbt und durchzusetzen versucht. Vom Kampf dafür ganz zu schweigen.
Deswegen kann ich junge Leute nur warnen: Wer sich verpflichtet, oder wer nicht verweigert, der ist Befehl und Gehorsam unterworfen und ein Gewissen nützt im Kriegsfall nur wenig.
Aber vielleicht wird Herr Engel mit seinen Illusionen irgendwann Oberbefehlshaber – aber ich fürchte, genau aus dem Grund wird er es nicht.
Moin Herr Engel,
Ihre Frage beginnt dort, wo gewaltfreie Mittel „eine konkrete Gewalttat nicht rechtzeitig verhindern können.“ Nun habe ich mich als Leser auf die Suche nach der Frage gemacht, aber ich finde nur Behauptungen.
Sie beginnen mit einem Beispiel, das schlecht mit einer Kriegssituation zu vergleichen ist. Die bewaffneten Männer, die sie beschreiben, sind wahrscheinlich Soldaten, die in einer kriegerischen Situation das Haus angreifen ( wären es z.B. kriminelle Banden, wäre das ein völlig anderer Zusammenhang und ich verspreche, ich hätte keine Waffen im Haus, um zu verteidigen). Sie setzen also einen kriegerischen Konflikt als gegeben voraus! Schon das gilt es zu verhindern!
Aber selbst wenn ich dieses Situationskonstrukt akzeptiere, ich könnte mein Haus gar nicht verteidigen, weil ich als Soldat irgendwo an der Front wäre und nicht bei meiner Familie! Krieg setzt ja Anonymität voraus.
In ihrem Konstrukt fahren sie fort, indem sie trennen zwischen Verteidigungskrieg und Angriffskrieg. Als Soldat müssten Sie wissen, dass es keine Verteidigung ohne Angriff geben kann. Schließlich haben wir unsere Freiheit sogar am Hindukusch verteidigt.
Des Weiteren unterscheiden Sie verschiedene Formen von Moral. „Aber die bloße Gleichheit des Mittels macht ihre Handlungen moralisch nicht gleich.“ Da haben Sie natürlich recht, aber beide glauben, sie hätten die richtige Moral! Es wäre wunderbar, wenn es eine richtige Moral gäbe, wer aber legt das fest?
Anschließend konstruieren Sie wieder ein Beispiel, das hoch problematisch ist. Das „Kind, das sich selbst nicht in Sicherheit bringen kann“ (und all die anderen Beispiele, die sie aufführen) wären nicht in der Situation, wenn es nicht vorher die Bereitschaft zum Krieg gegeben hätte. Völlig außer Acht gelassen wird, dass Bomben oder gar Drohnen gar nicht unterscheiden, ob ein Kind, Kranke oder Soldaten getötet werden. Schauen wir nach Gaza! Wenn in Zukunft sogar eine KI selbständig entscheidet, wann und wo getötet wird, wird der Sicherheitsgedanke völlig absurd.
Aber Opfer müssen halt sein, wenn man auf der richtigen Seite steht. Das Problem aber ist, wer steht denn auf der richtigen Seite. Alle Kriegsbeteiligten sind davon überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen.
Für Sie „liegt die schwierigste Frage darin, wer die Folgen meiner Entscheidung trägt“. Genau hier unterscheiden wir uns diametral! Mit Ihrer Entscheidung zum militärischen Handeln bin ich Ihrer Entscheidung ausgeliefert. Ich werde gar nicht mehr gefragt, ob ich mein Leben opfern will für das, was Sie verteidigungswert finden. Vielleicht haben wir ganz verschiedene Vorstellungen von Demokratie, Frieden oder anderen „Werten“. Der Ausgang der Wahlen in Sachsen-Anhalt macht deutlich, wie weit diese Vorstellungen auseinander gehen können.
Wählen wir aber den Weg, der im friedenslogischen Denken vorgeschlagen wird, dann kann jeder Mensch selbst entscheiden, wie weit er oder sie sich einsetzen will, in einem möglichen Widerstand gegen irgendwelche Angreifer. Will ich eventuell ein Bußgeld bezahlen oder ins Gefängnis gehen oder mein Leben einsetzen. Das muss jede, jeder selbst entscheiden. Voraussetzung dafür ist aber, dass ich nicht glaube, dass andere Menschen, Völker und Nationen wild mordende Monster sind.
Leider kann es immer wieder dazu kommen, dass, z.B. um sich Ressourcen zu sichern, ein Land ein anderes einnimmt, aber wehren kann man sich auch so, dass es weniger Leid und Zerstörung gibt als es zwangsnotwendig durch kriegerische Handlung sein wird. Die Geschichte hat mehrfach bewiesen, dass Kriege immer zu unvorstellbarem Leid führt, das nicht mit dem Ende eines Kriegs aufhört, sondern sich in mehreren Generationen als Trauma fortsetzt.
Interessant ist, dass Sie glauben, dass Soldaten sich widersetzen, wenn unrechtmäßige Befehle erteilt werden. Ich glaube nicht, dass ein Offizier einen unrechtmäßigen Befehl zurücknimmt, wenn ihn ein Rekrut dazu auffordert. Viel mehr glaube ich, dass der Rekrut an die Wand gestellt wird. Bisher jedenfalls war das so üblich, weil das Kriegsrecht galt. „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein“, durfte ein Ministerpräsident noch in den 70iger Jahren sagen. Deserteure, die einem widerrechtlichem System entflohen sind, wurden in unserem Land wenig geehrt!
Sie wollen das alles nicht kampflos aufgeben, sondern im Ernstfall zu schützen. Da könnten wir uns treffen, nur verstehen wir unter Schutz etwas völlig anderes. Ich bin davon überzeugt, dass wir Menschen, als Wesen, die zur Vernunft fähig sein können, nach Wegen suchen können, sich für sinnvolle Werte so einzusetzen, dass möglichst wenig Leid, möglichst wenig Ermordete und möglichst wenig Zerstörung entsteht. Wir müssten das nur endlich wollen, anstatt immer den gleichen irrationalen Lösungen nachzulaufen, die sich in der Geschichte permanent als unsinnig erwiesen haben.
Als Mensch achte ich Sie, ihre Entscheidung für das Soldatentum aber lehne ich völlig ab.
Michael Wüst DFG-VK Niedersachsen – Bremen
Liebe Frau Sundmacher, Danke für die Erinnerung, das Buch "Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde" endlich zu lesen! Nicht umsonst ist es ein Bestseller – es sollte in allen Abschlußklassen Pflichtlektüre werden.