Mythos Langemarck – Vortrag von Gerhard Schäfer

Collage: Bernd Fischer

Worum geht es bei Langemarck?

Die Pressemitteilung der Obersten Heeresleitung (OHL) vom 11. November 1914 lautete wie folgt:

„Am Yserabschnitt machten wir gestern gute Fortschritte … Westlich Langemarck brachen junge Regimenter unter dem Gesange ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie.“

Damit waren Legende und Mythos von Langemarck, im flandrischen Teil Belgiens gelegen, geboren.

In einem Mythos werden selektiv Fakten, Interpretationen und Phantasien (Lügen) so miteinander kombiniert, dass daraus eine für die kollektive Erinnerung einer Nation wirksame Geschichtserzählung entsteht (z.B. auch Tannenberg, Verdun, später: Stalingrad, usw.).

  1. Die Kämpfe, auf die sich die OHL bezog, hatten tatsächlich bei Bixschoote, fünf Kilometer westlich von Langemarck, stattgefunden.
  2. Der Name Langemarck klang kernig und eisern, geeignet für eine männliche Heroisierung, ganz so wie die Jungs in den Volksschulen und natürlich an den Gymnasien und den Universitäten erzogen worden waren.
    Der Name schien sich für vaterländische Feiern zu eignen.
  3. Fakt ist: Militärisch eingenommen wurde Langemarck im November 1914 nie, in den Ort vorgedrungene kleinere Trupps wurden stets zurückgeworfen. Eine spätere Darstellung aus dem Jahr 1929 – entstanden im Reichsarchiv – kam bezüglich der militärischen Lage zu folgender nüchterner Einschätzung: „Die Truppen waren erschöpft, die Verluste schwer, die Munition reichte bei weitem nicht aus. Am 18. musste der Kampf endgültig abgebrochen werden.“
  4. Die Wirklichkeit dieser mörderischen Gefechte 5 km von Langemarck entfernt wurde bewusst verklärt zu einer zusammenfantasierten Gesamtdarstellung, die drei Elemente umfasste und für die weitere Legendenbildung wichtig wurde: Jugend, Nation/Vaterland, Opfer.
    Das militärische Debakel verwandelte sich also in ein nationales Symbol, der männlich-soldatische Heldenkult der jungen – wie zu zeigen sein wird – militärisch sinnlos geopferten 5 im Spätsommer 1914 eilig zusammengewürfelten Regimenter überdeckte die Katastrophe.

Wie war dieses Debakel zustande gekommen?

Im September 1914 – in der Marneschlacht – war der deutsche Vormarsch nach dem sogenannten Schlieffen-Plan ins Stocken geraten. Jetzt begann der „Wettlauf zum Meer“ (Herrschaft über den Kanal), der schließlich mit dem Scheitern des Schlieffen-Plans und dem Übergang des Bewegungskrieges in einen jahrelangen Stellungskrieg endete. Um die Zangenbewegung über Belgien und Nordfrankreich herzustellen, war der völkerrechtswidrige Durchmarsch durch das neutrale Belgien nötig: hier wurden erste Kriegsverbrechen verübt, 5000 Belgier umgebracht, und die Stadt Löwen mit einer der ältesten Universitätsbibliotheken wurde zerstört („preventive strike“ sagt die NATO heute dazu).

In diese militärische Situation wurden die aus vielen Kriegsfreiwilligen zusammengesetzten 5 Regimenter der 4. Armee hineingeworfen. Die Heeresleitung war auf die große Zahl der Freiwilligen – darunter viele Abiturienten und Studenten, die eigentlich den Offiziersnachwuchs bilden sollten; aber keineswegs ausschließlich – nicht vorbereitet. Führer und Unterführer dieser militärischen Einheiten waren meist überalterte Reserveoffiziere und Unteroffiziere, die zudem eine nicht mehr zeitgemäße Vorstellung vom Krieg hatten. Es fehlte in diesen bei Langemarck eingesetzten Regimentern an Ausrüstung, an Munition und qualifizierter militärischer Ausbildung: alle Mängel waren bis zum Generalstab des Heeres bekannt, doch der Kriegsminister von Falkenhayn setzte sich über alle Bedenken hinweg. Schließlich wollte er im Westen den schnellstmöglichen militärischen Erfolg erringen. Die gesamte Operation dauerte vom 20.Oktober bis zum 18.November 1914.

Den „Freiwilligenregimentern“ standen erfahrene Soldaten des britischen Expeditionsheeres gegenüber. Das Gelände zu ihrer Deckung ausnutzend, waren diese Truppen den meist ohne Artillerieunterstützung stürmenden deutschen Soldaten – und das in Paradeformation – in jeder Hinsicht überlegen. Die ob des militärischen Dilletantismus überraschten britischen Soldaten staunten nur über die „schoolboy corps“, die in kurzer Zeit mit Maschinengewehren „dezimiert“ waren. Die Behauptung, dass die jugendlichen Draufgänger, erfüllt mit vaterländischer Gesinnung, Kampfeseifer und unbedingtem Siegeswillen im gegnerischen Trommelfeuer das Deutschlandlied gesungen hätten, gehört ganz sicher zu dem, was wir heute „fake news“ nennen würden. Der Weltkriegsoffizier und spätere Schriftsteller Ludwig Renn hat derartige Behauptungen als Phrase, als Lüge, und dazu als eine „verflucht blutige“ bezeichnet.

Und dennoch – es entsprach den emotionalen Bedürfnissen einer nationalistisch und imperialistisch erzogenen Jugendgeneration während des Krieges und dann noch mehr nach dem Versailler Vertrag von 1919, die bedingungslose Opferbereitschaft, den heldenhaften Mut und die Begeisterung für das eigene Vaterland zu den zentralen Werten zu verklären. Jährliche Langemarckfeiern, öffentliche Zeremonien (auch in Bremen), ein Langemarckpfennig, Bau und Weihe einer Gedenkstätte sorgten für die beständige Erneuerung des Langemarck-Kultes.

Bevor wir den Blick nach vorn auf die Weiterentwicklung des Mythos Langemarck in der Weimarer Zeit, dem Faschismus und dann der Bundesrepublik richten, müssen wir versuchen, die Hintergründe und Ursachen für den „Griff nach der Weltmacht“ (Fritz Fischer) zu erklären. Sonst bliebe die politische Verantwortung, besser: Verantwortungslosigkeit für diese „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (Wolfgang J. Mommsen) unaufgeklärt und ohne Konsequenzen.

Wirtschaftliche Interessengruppen, nationalistische Verbände, Abgeordnete des Reichstages und die Repräsentanten der kaiserlichen Regierung überboten sich geradezu in Kriegsziel-Denkschriften, deren Umrisse längst vor 1914 bekannt waren, aber im Rausche der ersten Siege in Frankreich nun in die Öffentlichkeit gebracht wurden: der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger eröffnete am 2.9.14, der Ruhr-Industrielle August Thyssen hatte bereits am 28.8.14 sein Programm vorgelegt, an Radikalität kaum zu überbieten die Denkschrift von Heinrich Claß, dem Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes – eine Art Synthese legte der Reichskanzler Bethmann Hollweg am 9.9.1914 in seinem Septemberprogramm vor. Es war, wie sein enger Berater Kurt Riezler formulierte, ein „mitteleuropäischer Imperialismus der leichten Hand“, dessen Ziele keineswegs maßvoll waren:

Frankreich sollte die Festung Belfort, den Westteil der Vogesen, einen Küstenstreifen von Dünkirchen bis Belfort abtreten; das Erzbecken von Longwy-Briey in Lothringen sollte annektiert werden; Frankreich sollte eine so hohe Kriegsentschädigung leisten müssen, dass es in den folgenden 15-20 Jahren keine Mittel mehr für eigene Rüstung aufzubringen in der Lage wäre; Belgien sollte – formal als politisches Gebilde erhalten – sollte militärisch und politisch Vasallenstaat werden, Lüttich und Antwerpen preußisch werden; das um belgisches Gebiet vergrößerte Luxemburg sollte annektiert und deutscher Bundesstaat werden.

Im Mittelpunkt des Septemberprogramms stand die Gründung eines Mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes mit fast allen Nachbarstaaten incl. Frankreich, Italien und Polen, eventuell auch Norwegen und Schweden. Formell blieben alle Staaten gleichberechtigt, faktisch bedeutete diese Machtkonstellation die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa: Deutschlands „Griff nach der Weltmacht“ sollte in Bezug auf den zu spät gekommenen deutschen Imperialismus und Kolonialismus durch die „Schaffung eines mittelafrikanischen Kolonialreichs“ ergänzt werden.

Alle Zielsetzungen blieben in der Zwischenkriegszeit und dann erst recht im faschistischen Imperialismus aktuell.

Was die herrschenden Klassen im deutschen Kaiserreich wollten, war also klar: ökonomisch-politische Vormachtstellung in Mitteleuropa mit Ausstrahlung nach Westen, Norden und Osten/besonders dann auch den Südosten Europas. Wie immer ging es um den direkten/indirekten Zugang zu den natürlichen Ressourcen und ihre Ausbeutung und den menschlichen Arbeitskräften. Über die Ostfront und den „Schandfrieden“ von Brest-Litowsk 1917 sprechen wir hier nicht – die Bedingungen waren nicht weniger hart als die von Versailles, allerdings hierüber wird selten gesprochen.

Um das anvisierte Kriegszielprogramm zu realisieren, brauchte man eine möglichst große Zustimmung der Bevölkerung. Am Gefährlichsten schien der erwartete Widerstand aus den politisch bewussten Teilen der Arbeiterbewegung, vornehmlich der deutschen Sozialdemokratie. Ende November 1912 hatten alle Parteien der Zweiten Internationale im Baseler Münster den Appell von 1907 auf dem Stuttgarter Kongress erneuert (von Lenin, Martow und Rosa Luxemburg formuliert): bei drohendem Kriegsausbruch seien die „arbeitenden Klassen und deren parlamentarische Vertretungen in den beteiligten Ländern verpflichtet, alles aufzubieten, um … den Ausbruch des Krieges zu verhindern“.

Noch eine Woche vor der Mobilmachung hatte es in vielen deutschen und europäischen Städten Anti-Kriegs-Kundgebungen von Tausenden von Arbeiterinnen und Arbeitern gegeben. Als wenige Tage oder auch nur Stunden später die Mobilmachung kam, folgten die gleichen Massen dem Aufruf ihrer Regierungen. Dieser Umschlag von der Opposition gegen den Krieg zur Akklamation für den Krieg ist das bis heute nicht hinreichend begriffene Problem (wie der Krieg in die individuellen Köpfe und teilweise auch Herzen kommen konnte) – und die Spaltung der Arbeiterbewegung in zwei verfeindete Strömungen. Die herrschenden Kreise aus Militär, Kapital, Wissenschaft und Monarchie jubilierten – und Kaiser Wilhelm II. stellte fest: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“

Am 4. August 1914 stimmte die Reichstagsfraktion der Sozialdemokraten den Kriegskrediten zu, bald war es nur der Abgeordnete Liebknecht, der dem sogenannten „Burgfrieden“ die Zustimmung verweigerte. Während des Krieges waren es nur kleine Gruppen, die den Widerstand organisierten – gegen die Parteiführungen : Clara Zetkin mit dem Internationalen Sozialistischen Frauensekretariat, Willi Münzenberg mit der Sozialistischen Jugend-Internationale und die Treffen in Zimmerwald (1915) und Kienthal (1916) – und die drei – bald illegalen – Gruppen des linken Flügels der Sozialdemokratie: Spartakusbund, Lichtstrahlengruppe und Gruppe Arbeiterpolitik (Bremer Linken). Mit der Gründung der USPD und später der KPD (Jahreswende 1918/19) gab es nun drei Arbeiterparteien: mit der MSPD, deren Führung – mit den Gewerkschaften – einen nationalen, rechtssozialdemokratischen Kurs in Zusammenarbeit mit den maßgeblichen herrschenden Kreisen in Politik und Wirtschaft nach dem 9.November 1918 steuerte (in Bremen ist die Situation anders, s. auch die Briefe der Bremer Arbeiterfamilie der Pöhlands). – Die Haltung zum Krieg hatte die einst stolze Arbeiterbewegung gespalten und den Sündenfall vom 4.August 1914 herbeigeführt.

Damit war der wichtigste Hemmschuh zur imperialen Expansion beiseite geräumt. Der wilhelminische Militarismus hatte, vermittelt über Volksschule und Militär, über Mitgliedschaften in den Massenverbänden des Flottenvereins und des Alldeutschen Verbandes, tiefe Spuren auch in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung hinterlassen. So kam der fliegende Wechsel der Sozialdemokratie ins Lager der Kriegsbefürworter keineswegs überraschend. Die Meinungsbildung erfolgte über die Propaganda in den beiden Institutionen, insbesondere die Mobilisierung der Feindbilder. In den Schulen lernten Jungs wie Mädchen: „Jeder Tritt ein Britt, jeder Stoß ein Franzos, jeder Schuss ein Russ!“ Der junge Sebastian Haffner, der spätere Journalist, streifte als Schüler in den Sommerferien 1914 zunächst noch in den Wäldern seiner hinterpommerschen Heimat herum, stellte allerdings bei sich selbst den Wandel zum fanatischen Chauvinisten fest, und das binnen weniger Tage : „Was zählte, war die Faszination des kriegerischen Spiels: eines Spiels, in dem nach geheimnisvollen Regeln Gefangenenzahlen, Geländegewinne, eroberte Festungen und versenkte Schiffe ungefähr die Rolle spielten wie Torschüsse beim Fußball oder Punkte beim Boxen.“

Wie zählebig diese Feindbilder sind, zeigt das Beispiel Russland: es ist unglaublich – nach den 27 Mio. Toten Soldaten, Zivilisten und Zwangsarbeitern im 2.Weltkrieg – dass antirussische Gefühle in Teilen unserer Politik und der Gesellschaft weiterbestehen. Die russische Innenpolitik steht auf einem anderen Blatt – unsere eigene historisch-politische Verantwortung gegenüber den Menschen in Russland sind angesichts dieser zwei Weltkriege klar: Schluss mit jeder Form der militärischen Bedrohung („Manöver Defender 2020“) oder Einkreisung durch die NATO – und die Bundesrepublik. Die deutsch-russischen Friedenstage in Bremen sind die einzig richtige und kluge Antwort: Kooperation statt Konfrontation ist das Gebot der Stunde!

Aus meinen Überlegungen ist, hoffe ich, deutlich geworden, dass ein solcher Umschlag nur möglich war, weil die „Ideen von 1914“ schon längst vorher in die Mehrzahl der Deutschen eingepflanzt war. Das Zusammenspiel von intellektuellen Ideengebern, mächtigen Finanziers und Unterstützer in Wirtschaft und Politik und der mentalen Kriegsbereitschaft in den Bevölkerungen ist offensichtlich. Auch Wissenschaft ist nie frei von Legenden, Mythen und von propagandistischer Versuchung: Die Unterstützung der Kriegsziele in einer der zahllosen Denkschriften und Aufrufe vom Herbst 1914 trug die Unterschrift von mehr als 3000 Hochschullehrern, ein Gegenentwurf des Charité-Mediziners Georg Friedrich Nicolai mit dem kriegskritischen „Aufruf an die Europäer“ fand nur vier Unterstützer, darunter Albert Einstein – sie schreckten vor der Publikation zurück, weil sie – nicht zu Unrecht – Schlimmstes für ihre Karriere befürchteten.

Als der Chemiker Fritz Haber, Organisator des chemischen Kriegs auf deutscher Seite, den Chlorgasangriff vom 22.April 1915 bei Ypern mit initiierte, protestierte seine Frau, die promovierte Chemikerin Clara Immerwahr aufs Schärfste und nahm sich im Garten ihres Dahlemer Hauses das Leben. Fritz Haber reiste noch am gleichen Tag an die Front. Die alliierte Seite setzte auch Gas ein: insgesamt belaufen sich die Schätzungen auf 20.000 Gastote und 500.000 Verletzte, das waren „nur“ ca. 3,4% aller Kriegsopfer.

Einer der wichtigsten intellektuellen Stichwortgeber der bereits erwähnten „Ideen von 1914“ war ausgerechnet ein gebürtiger Bremer Kaufmannssohn, Johann Plenge, Staatswissenschaftler in Münster (Ökonom, Historiker, Soziologe), der den Ideen von 1789 : Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit die „Volksgenossenschaft des nationalen Sozialismus“ gegenüberstellte. Er wurde von seinen Ideen durch seinen Bremer Mitschüler, den Kaffeemäzen Ludwig Roselius, in seinen Institutsplänen mit vielen Tausend Reichsmark unterstützt (incl. Stiftungskapital von 150.000 RM) – mit der besonderen Zielsetzung einer modernen Propandalehre, die der Professor dem NS-Propagandaminister J.Goebbels nahebringen wollte, was aber misslang. Ähnlich erging es ihm mit der Erfindung des Begriffs der „Volksgemeinschaft“ – ein Begriff, der durch die gemeinsamen Erlebnisse im Schützengraben einen besonderen männlichen Gefühlsklang erhielt. Plenge – und das war wichtig – wirkte auch in Teile der Arbeiterschaft hinein, durch seinen Kontakt zur Cunow-Haenisch-Lensch-Gruppe um die Zeitschrift „Die Glocke“. Konrad Haenisch sollte ihn als preußischer Kultusminister später institutionell und finanziell unterstützen.

Die Propaganda der Völkischen – und darin liegt eine weitere Aktualität – zielte im Frieden auf die Herstellung einer alle Klassengegensätze einebnenden Leistungsgemeinschaft, die dann rasch in eine Kampfgemeinschaft umgeschmolzen werden konnte. Die Höckesche Propaganda von heute nimmt diesen völkisch verbrämten Faden auf, die AfD bleibt allerdings bei den wichtigsten sozialpolitischen Fragen neoliberal bis reaktionär ( vom Mindestlohn bis zur Grundrente ), obwohl sie in jüngster Zeit versucht, auch in Teilen der Arbeiterschaft zu punkten.

Andere Intellektuelle, wie der Berliner Prof. Werner Sombart, hatten den Gegensatz zu den westeuropäischen Gegnern auf den Begriffsgegensatz „Händler und Helden“ gebracht, auch er Anfang des Jahrhunderts kurzweilig Syndikus bei der Bremer Handelskammer. Die lange Liste erfasst die Mehrheit der Intellektuellen – und eine scharfe Zensur sorgte für die Abwehr von kritischen Publikation (Ausnahme: Emil Lederer, 1915).

Nach diesen Ausführungen komme ich noch einmal zurück auf die Mythenbildung in Weimar und dann im deutschen Faschismus und kurz der Bundesrepublik.

Im Herbst 1919 trafen Überlebende des Reserve-Infanterie-Korps in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zur ersten Langemarck-Feier, ab 1921 trafen sich alljährlich nationalistische Jugendverbände und die Berliner Studentenschaft in der Garnisonkirche zu Potsdam. Der studentische Langemarck-Ausschuss „Hochschule und Heer“ enthüllte 1924 (10 J.) einen Gedenkstein in der Rhön, ein Ehrenfriedhof mit 45.000 deutschen Gräbern bei Langemarck wurde eröffnet. 1929 organisierte der gleiche Ausschuss eine Veranstaltung im Berliner Sportpalast mit 15.000 Menschen. Wir sehen, die Feiern wurden zwar von völkischen Studenten organisiert, fanden aber breite Zustimmung bei fast allen Bevölkerungsteilen und den bürgerlichen Parteien, aber auch bei allen Regierungen der Weimarer Koalition.

Was die Nazis betrifft, so hatte sich Hitler in „Mein Kampf“ bereits dazu geäußert und sich daran berauscht, wie aus 17-jährigen Knaben Männer wurden, die als Freiwillige das Kämpfen – und ich füge hinzu: das Sterben – gelernt hätten. Der Langemarck-Mythos wurde auf besondere Weise von der HJ genutzt, wollte man doch die junge Generation auf den kommenden Krieg vorbereiten. Langemarck-Spende, Langemarck-Opferpfennig und 1938 das Langemarck-Studium wurden eingeführt, alles, um die Bereitschaft von Millionen Jugendlichen wachzuhalten, dem Vaterland und seinem Führer treu zu dien und sich – wenn nötig – zu opfern. Es gab nicht zufällig zwei Regimenter der Waffen-SS, eines von beiden existierte nur wenige Monate. Der Mythos vom Opfertod wurde 1943 auf die in Stalingrad untergegangene 6.Armee übertragen – damit hatte Langemarck zunächst ausgedient.

Gleichwohl war der Mythos Langemarck auch in der Bundesrepublik nicht ganz verschwunden: Walther Hubatsch, Historiker in Göttingen und Bonn, schrieb 1984 in der Schriftenreihe „Innere Führung“ der Bundeswehr, dass die jungen Regimenter zwar in unfertigem Zustand an Brennpunkten eingesetzt worden seien, aber „am 10. November 1914 weithin sichtbar Tapferkeit bewiesen hätten“. Das war aber schon eine Minderheitsauffassung in der Geschichtswissenschaft – Hubatsch hatte sich von seiner eigenen NS-Vergangenheit nicht hinreichend lösen können. In der DDR wurde dem Langemarck-Mythos keine Aufmerksamkeit geschenkt.

Was können wir aus diesem historischen Überblick für heute lernen?

Vormilitärische Ausbildung an Waffen und Gerät für Jugendliche unter 18 Jahren sollte
verboten werden.

Die Werbung der Bundeswehr, nach der Jugendliche unter 18 Jahren „freiwillig“ Wehrdienst leisten können, muss sofort eingestellt werden.
Sie ist m.E. auch verfassungsrechtlich nicht haltbar.

Öffentlichkeitsarbeit von Jugendoffizieren der Bundeswehr in den öffentlichen Schulen darf nur erlaubt werden, wenn Gegenpositionen im Unterricht fest eingeplant werden (z.B. Vertreterinnen der Friedensbewegung, Kriegsdienstgener, etc.).
Die Militärpolitik der Bundesrepublik und der NATO muss Gegenstand von Unterricht in einem Pflichtfach „Friedenserziehung“ in den Curricula werden:
Waffenschauen auf Schulhöfen sind zu unterbinden, stattdessen sind Ursachen und Folgen von alten und neuen Kriegen zu behandeln (die Bundeswehr beteiligt sich an zahlreichen Auslandseinsätzen).

Statt der angeblichen Heldentaten der Moltkes, Hindenburgs wären die biographischen Porträts von Bertha von Suttner bis Albert Einstein in das Zentrum zu rücken. Die Schicksale von Deserteuren und Wehrdienstgegnern wären einer lohnender Gegenstand, um der Heroisierung militärischer Gewalt zu begegnen. Die vielen Frauen aus der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, die Friedensfrauen mit ihren jahrzehntelangen Mahnwachen auf dem Bremer Marktplatz können von ihren Motiven und Erfahrungen berichten.
Die Universitäten und Hochschulen in Bremen täten gut daran, die „Zivilklausel“ Ernst zu nehmen und sich jeglicher Militär- oder gar Kriegsforschung zu verweigern. Man oder frau bekommen dann vielleicht weniger Drittmittel oder Extra-Lehrstühle (weder von OHB noch von Rheinmetall noch von Lürssen), aber sie müssen für ihren bescheidenen Mut sicher nicht ins Gefängnis: Also, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Bremen, habt Mut, Euch Eures eigenen Verstandes zu bedienen. In den USA arbeiten schätzungsweise die Hälfte aller Wissenschaftler in der Militär- oder Kriegsforschung. In Deutschland sollten wir diesem Beispiel nicht folgen, schon gar nicht in Bremen. Wo bleibt eigentlich ein moderner Lehrstuhl für Friedensforschung an einer der Bremer Hochschulen – vom rot-rot-grünen Senat beschlossen?
Ein letzter Gedanke: Pazifismus ist für mich ein Ehrenwort, es heißt nämlich: pacem facere = Frieden machen, Frieden schaffen, Frieden gestalten bis ins Detail. Diese zugegeben anspruchsvolle Aufgabe umfasst nicht nur Diplomatie und die Friedenserziehung und Friedensforschung, sie bezieht sich auf die friedvolle gesellschaftliche Entwicklung im Inneren , von der Wohnungsfrage über die Klimakrise bis zur Gesundheitspolitik. Da haben wir genug zu tun. Packen wir’s an.
Und am Ende eines solchen Umbaus könnte auch eine andere Bundeswehr stehen, die als eine Art Technisches Hilfswerk in Krisen – international vernetzt und völkerrechtlich abgesichert – ihren friedensstiftenden Beitrag leistet.

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld im Zuhören. Meine Absicht ist es, zum Nach- und Weiterdenken anzuregen, dazu gehört auch der Widerspruch.

(Der Vortrag wurde gehalten am 3.7.2020 in Bremen.)

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