Wir veröffentlichen hier die eindrucksvolle Rede von Bert Gedenk, der als Pastor in Emden noch viele Menschen kennen gelernt hatte, die ihm von den Zerstörungen Emdens im 2. Weltkrieg berichtet hatten. Die Bombardierungen der kriegstüchtigen deutschen Hafenstadt hatten Emden in eine Wüste verwandelt, die an die Bilder von Hiroshima erinnerte.
Mehr als 800 Akteure und Lobbyisten der maritimen Wirtschaft hatten sich in Emden versammelt und wollten über Wettbewerbsfähigkeit, globalen Handel und gute Geschäfte reden. Aber es ging auch um massive Aufrüstung. Bundeskanzler Merz und zahlreiche Bundes-, Landes- und Lokalpolitiker sprachen der Militarisierung der Hafenwirtschaft das Wort.
Die vom maritimen Koordinator der Bundesregierung angekündigten 100 000 neuen Arbeitsplätze, dürfte es, wenn überhaupt, einzig und allein im Marineschiffbau geben.
Gegen das Kriegstüchtigmachen der Seehäfen protestierten mehrere hundert Menschen im Zentrum von Emden und anschließend mit einer Demo in die Nähe der Nordseehalle, wo die NMK stattfand.
Hier die Rede von Pastor Bert Gedenk:
Ich danke den Veranstaltern für die Einladung, heute hier zu Euch reden zu dürfen.
Erlaubt mir dazu einen persönlichen Einstieg. Ich bin zwar kein gebürtiger Emder, aber ich lebe und arbeite mit kurzer Unterbrechung seit über 35 Jahren in dieser Stadt. Das ist mehr als die Hälfte meines Lebens! Emden ist meine neue Heimat geworden. Und das soll sie möglichst auch noch im langsam nahenden Ruhestand bleiben… Doch diese Stadt, ihre Menschen und ihr Frieden stehen immer mehr in Gefahr. In großer Gefahr! Aber nur wenige wissen davon oder wollen davon wissen. Ich möchte keine Angst verbreiten oder mit Angst Stimmung in eigener Sache machen. Die Gefahr ist aber konkret da und sie wächst. Und wir müssen uns der Gefahr gemeinsam stellen, wenn wir nicht vor ihr verschluckt werden wollen. Ich versuche das sachlich zu begründen. Dazu eine Erinnerung Als ich 1990 nach Emden zog, habe ich gleich beim ersten Hausbesuch in meiner Gemeinde einen für alle Emder*innen maßgeblichen historischen Tag genannt bekommen, einen Tag, den ich nie vergessen dürfte. Dazu wurde mir von meinem Gastgeber ein altes Schwarz-Weiß-Foto mit gezacktem Rand in die Hand gegeben. Das Foto zeigte mir diese Stadt: Emden, einen Tag nach dem 6. September 1944! Aber was sage ich „Stadt“?
Aus dem ehemaligen „Venedig des Nordens“, wie Emden bis dahin liebevoll genannt wurde, war ein einziges Trümmerfeld geworden. Hier und da stand nur noch eine Ruine und noch seltener ein bewohnbares Haus, wie einzelne kranke, hohle Zähne in einem ansonsten zahnlosen Kiefer Ich lernte damals durch meinen Gastgeber: Über 80% der Stadtfläche seien an diesem Septembertag durch einen gezielten englischen Bomberangriff in nur 18 Minuten verwüstet worden! Als die Rauchwolken sich langsam verzogen, habe man ungehindert von einem Ende der Stadt bis zum anderen blicken können, von Harsweg bis nach Borssum, von Larrelt bis nach Barenburg. Freie Sicht! Für uns heute unvorstellbar Bis zum Horizont eine einzige Verwüstung! Apokalyptisch Das Foto und die Erzählungen meines Gastgebers erinnerten mich an Hiroshima. Doch hier waren es damals „nur“ herkömmliche Bomben. Aber auch die zerstörten fast alles und raubten 413 Menschen das Leben. Die meisten davon Zivilisten und Zwangsarbeiter, aber auch Soldaten. Ich erfuhr weiter: Die 176 befestigten Schutzräume und Bunker gaben der Mehrheit der Emder Bevölkerung Schutz.
„Doch Schutz wofür noch?“ fragte mein Gastgeber. „Es gab nach diesem Tag keine Straßen mehr, kein schützendes Dach, kein Wasser, kein Klo, keine Heizung, kein Brot, nicht mal den Schnaps am Kiosk nebenan. Alles ausradiert! Und viele Emder Kinder waren irgend wohin nach Außerhalb verschickt worden!“ Ob man sie noch jemals wiedersähe? „Aber wozu auch? Ich werde hier ja nicht mal selber satt!“ So erging es den Menschen hier. Und die stillen Tränen der elternlosen Kinder in der Fremde zählte keiner. Aber auch sie brechen sich noch Jahrzehnte danach Bahn, wenn ich ihnen als Seelsorger zuhöre. Bis heute berichten mir die Alten von ihren traumatischen Erfahrungen, auch der Bunkernächte, wie die ganze Erde im Bombenterror bebte und die schweren Beton-Bunker wie auf einer Puddinghaut im Erdboden wankten. Und die nichtverschickten Säuglinge und Kleinkinder schrien vor Angst im Schoß ihrer Mütter.
Dies alles ist bis heute noch lebendig und quält die Menschen. In den vergangenen Tagen bin ich im Blick auf meine heutige Rede mehrfach angesprochen worden von Emdern, die das überlebt haben. Können wir uns darum vorstellen, was in ihren Köpfen und Herzen erneut losgetreten wird, wenn die Politik heute nicht einmal drei Generationen nach diesem Irrsinn! großspurig davon redet, unser Land und unsere Städte und Häfen, ja die ganze Gesellschaft wieder „kriegstüchtig“ machen zu wollen?
Diese schamlose, unverfrorene Rhetorik und der dahinter stehende „Operationplan Deutschland“ der Bundesregierung, weckt die Dämonen der Vergangenheit heute wieder auf bis zur Schlaflosigkeit! Die wachen Alten dieser Stadt haben mich darum gebeten, heute ihre große Sorge um den Frieden dieser Stadt und dieses Landes an Euch, an uns alle, weiterzugeben. Sie wissen noch, wohin diese Sprache und diese Pläne führen. Kriegsrhetorik und Kriegsvorbereitungen sind selbst schon Teil des Krieges und führen todsicher in die nächste Katastrophe. Uns alle! Hören wir darum auf die wachen Alten, wenn uns eine friedliche Zukunft wirklich lieb ist.
Nur, wenn wir wissen, wo wir herkommen, wer unsere Ahnen sind und was sie erlebten und erlitten, wissen wir auch, wo wir hinwollen und wohin nicht! Für Emden und seine Menschen heute, Männer, Frauen und Kinder, und für alle anderen Menschen in norddeutschen Hafenstädten besteht die Gefahr erneuter Zerstörung jetzt sogar besonders! Ich zitiere dazu nur einen lapidar klingenden, aber für uns entscheidenden Satz über die Zerstörung Emdens aus Wikipedia: „Die strategische Bedeutung als Hafenund Werftstandort machte Emden zum Ziel der alliierten Luftstreitkräfte“. Dabei war Emdens Hafen damals militärisch noch gar nicht so bedeutend!
Wenn dagegen die heutigen Pläne zur Kriegstüchtigkeit des Hafens am Rysumer Nacken oder anderswo mehr noch als jetzt schon Wirklichkeit werden, leben wir künftig direkt in einem militärstrategischen Hotspot! MaW: Ist ein Hafen einmal eine wichtige Drehscheibe für den Bau von Kriegsschiffen geworden, für den Export von Rüstungsgütern und den Nachschub bei Manövern und Kriegseinsätzen mit Kriegsgerät und Soldaten, wird dieser Hafen zwangsläufig – ob wir das wollen oder nicht – auch zur Zielscheibe für gegnerische Gewalt, sei es durch Terrorismus oder andere Militärnationen. Und lasst uns dabei jetzt nicht nur an Russland denken. Für die USA waren und sind wir auch nichts anderes als ein Brückenkopf ihrer eigenen Großmachtinteressen. Europa ist immer schon und immer noch das bloße Schlachtfeld der amerikanischen Atomkriegsstrategie.
Keine militärische Großmacht kann darum je eine Schutzmacht für uns sein! Sie alle dienen zuerst und zuletzt nur sich selbst. Und gerade ein Kriegshafen ist ein riesiger Magnet, der gegnerische Gewalt, Verderben und Tod nur so anzieht! Je größer und wichtiger ein Hafen für den militärisch-industriellen Komplex ausgebaut wird, desto gewisser landen unserer Koordinaten in den Zielsystemen der gegnerischen Drohnen und Marschflugkörper oder in den Anschlagsplänen selbsternannter „Weltenrichter“. Gewalt zieht Gewalt an, immer und überall! Darum kommen Krieg und Tod jetzt auch wieder nach Emden zurück. Wollen wir das wirklich?
Denn wieder wird es besonders die Zivilbevölkerung treffen, auch die Kinder in meiner und deiner Nachbarschaft! Aber mehr noch als damals. Denn wir haben keine Schutzräume mehr. Und selbst wenn wir welche hätten: die modernen Waffen brechen jeden Bunker noch 20 Meter tief im Erdreich. Von der atomaren Eskalation ganz zu schweigen Emden wird als kriegstüchtige Hafenstadt geradezu ein Brennpunkt werden für diese gefährliche Dynamik! Wer das kleinredet oder leugnet verdummt das Volk! Ich möchte mich darum heute besonders an die Vertreter der Hafenwirtschaft wenden. Denn von einer Politik, die mit dem Programm der „Kriegstüchtigkeit“ das ausdrückliche Friedensgebot unseres Grundgesetzes jetzt täglich mit Füßen tritt, ist nichts mehr zu erwarten, außer radikaler Umkehr von diesem Irrweg! Mit einer Verantwortung für unsere „Sicherheit“ hat das alles nichts zu tun. Bereits seit 1990 und nicht erst seit dem Ukrainekrieg sieht die NATOStrategie vor, Militärgewalt weltweit auch zur Rohstoffsicherung für unsere Wirtschaft einzusetzen.
Damit ist die NATO selbst ein Unsicherheitsund Kriegsfaktor in der Welt geworden. Die Globalisierung kann aber nur durch internationale Verträge gerecht und friedlich gestaltet werden, nicht durch Militär! Nur Verträge machen, dass wir Menschen uns vertragen! Ihr Verantwortlichen der Hafenwirtschaft steht darum jetzt vor einer großen Versuchung! Ihr bekommt jetzt billiges Geld vom Bund. Milliarden! Bedenkt aber: Es ist unser aller Geld. Mit einer Wortlüge freigegeben: „Sondervermögen!“ Und ist doch nichts anderes als die hoffnungslose Höchstverschuldung unserer Kinder und Kindeskinder. Auch Eurer! Mit diesem Schuld-Geld könnt Ihr jetzt Euren Standort sichern, Arbeitsplätze und Gewinne. Wenn Ihr kurzfristig und kurzsichtig denkt, dann werdet Ihr es tun. Aber nicht ohne unseren wehrhaften Widerstand! Das ist keine Drohung, sondern ein Versprechen, das dem Frieden dient.
Also auch Euch und Eurer Hafenwirtschaft, damit auch sie eine Zukunft hat, weil sie auch für die Zukunft baut! Darum lasst Euch mit uns allen zusammen von den wachen Alten heilsam an das erinnern, was am Ende herauskommt, wenn Ihr der großen Versuchung erliegt: Nicht etwa mehr Vorteile, mehr Sicherheit, sondern am Ende nur Leid, Tränen, Blut und Tod. Und das wird an Euren Händen kleben, an Eurem Namen, an Euren Familien. Und Ihr werdet es aus eigener Kraft nicht wieder abwaschen können! Darum haltet Euch bitte nicht selbst für klug! Glaubt nicht, heute sei doch alles anders als früher. Hört auf die Geschichte und ihre Opfer!
Hört auf die wachen Alten in Emden und überall! Verweigert Euch mit gutem Gewissen der Versuchung, unser Land und unsere Häfen „kriegstüchtig“ zu machen und Geschäfte mit dem Tod von Menschen. Geht vielmehr in Euch! Hört auf Euren Bauch nicht auf die rechnende Vernunft. Unser Bauch ist oft schlauer als unser Kopf. Weil er nicht von 12 Uhr bis Mittag denkt, sondern immer vom Ende her, was am Ende dabei herauskommt.
Und wenn Eure Kinder und Enkelkinder Euch einmal fragen: „Papa, Opa, Mama, Oma, was arbeitet Ihr eigentlich im Hafen? Dann sollt Ihr frei, fröhlich und stolz sagen können: „Ich baue Schiffe, Anlagen und Maschinen für das Leben und für die Menschen und nicht für den Tod!“ Und Eure Mitarbeiter im Hafen sollen das auch von Herzen zu ihren Kindern sagen können! Wir alle brauchen gerade jetzt nichts mehr als „Häfen des Friedens“ und nicht des Krieges! Und uns allen, liebe Friedensfreundinnen und -freunde, wünsche ich heute den Mut und die Klugheit zum lauten, wehrhaften Protest gegen den organisierten Tod, aber ohne jede Gewalt! Darin allein besteht unsere ganze Glaubwürdigkeit und unsere Kraft.
„Denn es gibt keinen Weg zum Frieden, Frieden ist der Weg!“ (M. Gandhi)
Ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit! „