Rückblick: „Vaterlandsverrat oder Friedenstat? Deserteure“

Vor ein paar Tagen wurde in der Villa Ichon bei einer gemeinsamen Veranstaltung des Bremer Friedensforums und der DFG/VK Bremen das Buch „Deserteure — Die Geschichte von Gewissen, Widerstand und Flucht“ vorgestellt; der Autor Rolf Cantzen war zugegen.

Neben dem Autor saß Franz Nadler von Connection e. V. (Internationale Arbeit zu Kriegsdienstverweigerung und Desertion), der über die Arbeit seines Vereins berichtete.

Solange es Kriege gibt, haben sich Menschen dem Kriegsdienst entzogen. Cantzen zeichnet die Geschichte der Desertion nach: Er untersucht die Motive der Deserteure, ihre unterschiedlichen Wege und die Gefahren, denen sie sich aussetzten.

Angesichts der Proteste gegen die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht in der BRD ist dieses Buch als Unterstützung und Argumentationshilfe für Verweigerer außerordentlich begrüßenswert.

Dass die Buchvorstellung durch einen Bericht von Connection e. V. über konkrete Unterstützung von Deserteuren ergänzt wurde, machte die Veranstaltung zu einer gelungenen Veranstaltung.

Zur Einstimmung empfehlen wir, das Lied „Le déserteur“ von Boris Vian anzuhören. Es wurde 1954 gegen den Indochina-Krieg geschrieben und von Reinhard Mey frei ins Deutsche übersetzt. Es lohnt sich, den gesamten Text anzuhören. Wir haben hier nur zwei Strophen herausgegriffen:

Verweigert den Befehl,
Verweigert den Gehorsam,
Verweigert den Appell,
Geht nicht in diesen Krieg.
….
Wenn’s ans Blutvergießen geht,
Gehen Sie, vergießen Sie das Ihre,
Sie vorbildlicher Apostel,
Herr Präsident.

Wir übernehmen im Folgenden eine Besprechung des Buches „Deserteure“ von Rolf Cantzen von kritisch-lesen.de:

Die Geschichte der Militärdienstverweigerung ist in Zeiten, in denen auch in Deutschland wieder von Kriegsfähigkeit geredet wird, von besonderer Aktualität.

„Das Reichskriegsgericht“ heißt eine Ausstellung, die bis Anfang 2026 in der Topografie des Terrors im Bendlerblock in Berlin zu sehen ist. Sie zeigt, wie mit der nationalsozialistischen Militärjustiz der antifaschistische Widerstand in Deutschland und vielen europäischen Ländern bekämpft wurde. Besonders zu begrüßen ist, dass dort viele wenig bekannte Beispiele von Widerstand und einer terroristisch eingesetzten Justiz aus Österreich, Belgien, Norwegen und Frankreich dokumentiert sind. Völlig ausgeblendet wird aber in der Ausstellung der lange Kampf um die Anerkennung, den Opfer der NS-Militärjustiz und ihre Angehörigen noch bis in die 1990er Jahre in Westdeutschland führen mussten. Exemplarisch dafür findet sich in der Ausstellung kein Hinweis auf Ludwig Baumann.

Der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Opfer der NS-Justiz hatte einen wesentlichen Anteil daran, dass Ende der 1990er Jahre die Menschen rehabilitiert wurden, die sich weigerten, am Angriffs- und Vernichtungskrieg Nazi-Deutschlands teilzunehmen. Dafür wird Baumann in dem Buch „Deserteure“ von Rolf Cantzen mit Recht gewürdigt. Der Journalist beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Militär- und Kriegsdienstverweigern, unter anderem mit Beiträgen im Deutschlandfunk. Jetzt hat er eine knapp 200-seitige Geschichte der Deserteure geschrieben, die viele Informationen enthält und trotzdem gut zu lesen ist.

 Eingeschworen auf Volk und Vaterland
Cantzen beginnt in der römischen Antike, als das Desertieren zum Sakrileg und zum Vaterlandsverrat gleichermaßen wurde. Schon in Rom wurde eine spezielle Truppe eingesetzt, die Jagd auf Deserteure machte. Sie waren ein früher Vorläufer der heutigen Feldjäger. Cantzen zeigt aber auch auf, wie sich im ausgehenden Mittelalter das Militärwesen veränderte. Es dominierten militärische Dienstleistungsanbieter.

„Die gut ausgebildeten und trainierten Söldner kämpften weder fürs Vaterland noch für eine Religion und schon gar nicht für politische Überzeugungen. Sie verstanden sich als Vertragspartner eines Kriegsunternehmers.“ (S. 16)

In dieser Zeit kam es häufig vor, dass die Söldner die Seite wechselten, wenn ihnen dort bessere Bezahlung und Verpflegung geboten wurde. Erst mit dem Aufkommen des Nationalstaates sollten die Soldaten auf Volk und Vaterland eingeschworen werden. An vielen Orten zeugen noch Denkmäler mit Namen in verschiedenen Kriegen umgekommener Männer von dieser Ideologie. Diejenigen, die nicht für irgendein Vaterland sterben wollten und desertieren, werden dort natürlich nicht erwähnt. Dabei war das 18. Jahrhundert das Zeitalter der Deserteure, so Cantzen. Er zitiert in seinem Buch Quellen, nach denen zwischen 1727 und 1740 in Preußen circa 20 Prozent, in Kursachsen zwischen 1717 und 1728 sogar 50 Prozent der zwangseingezogenen Männer desertiert sind. Cantzen schildert sehr anschaulich, wie im 18. Jahrhundert mit der Ideologie der nationalen Mobilmachung diese Flucht vor dem Krieg eingedämmt werden sollte. Wo das nicht gelang, wurde mit der Todesstrafe gegen Militär- und Kriegsdienstverweigerer vorgegangen. Cantzen behandelt verschiedene Kampagnen gegen den Kriegsdienst vor dem Ersten Weltkrieg. Dabei geht er auch auf Schriften des russischen Schriftstellers Leo Tolstoi sowie auf die Arbeiten von Anarchisten wie Gustav Landauer und Max Stirner ein, die sich gegen die Beteiligung an Kriegen aussprachen.

 Antimilitarismus der sozialistischen Arbeiter*innenbewegung
Eine Schwachstelle des Buches ist, dass Cantzen den antimilitaristischen Widerstand der linken Sozialist*innen wie Lenin, Luxemburg und Liebknecht vor und während des 1. Weltkriegs weitgehend ausblendet. Immerhin werden sie bei ihm kurz erwähnt, aber mit einer wenig überzeugenden Begründung abgetan:

„Während sozialdemokratische Parteien den Ersten Weltkrieg unterstützten, sollte in der radikalen marxistischen Linken um Liebknecht, Luxemburg und Zetkin die Weigerung, den Krieg fortzuführen, in eine gesellschaftliche Revolution übergehen. Antimilitarismus und Pazifismus, Desertionen und kollektive Befehlsverweigerungen verstand man hier als ein Mittel zum Zweck der proletarischen Revolution.“ (S. 39)

Gleich im nächsten Absatz stellt er richtigerweise fest: In Deutschland blieb die „anarchistische und anarchosyndikalistische Tradition des Antimilitarismus vergessen“ (ebd.). Da stellt sich die Frage, warum Cantzen hier eine so starke Trennlinie zwischen den sozialistischen, kommunistischen, anarchistischen und anarchosyndikalistischen Strängen des Antimilitarismus zieht, die es zumindest bis zur Oktoberrevolution im Jahr 1917 gar nicht gegeben hat. All diese Lesarten des Antimilitarismus eint die Überzeugung, dass eine Gesellschaft ohne Militarismus und Krieg nur nach einem Sturz des Kapitalismus und der Abschaffung von Staaten allgemein möglich sein wird. Es war also nicht nur der sozialistische Flügel des Antimilitarismus, der auf eine Revolution orientierte. Die theoretischen Begründungen waren allerdings unterschiedlich. Die sozialistischen und später kommunistischen Antimilitarist*innen stützen sich vor allem auf die Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels, später auch auf die Texte von Rosa Luxemburg und Lenin, die dort begründeten, warum der Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium immer wieder zu Kriegen zwischen den unterschiedlichen Staaten und Staatenbündnissen führt. Anarchistische Antimilitarist*innen betonten den Zusammenhang zwischen Macht und Hierarchie für Militarismus und Krieg. Erst nach der Etablierung der Sowjetunion und dem dortigen Aufbau der Roten Armee, der von Anarchist*innen abgelehnt wurde, verstärkte sich die Distanz zwischen den unterschiedlichen antimilitaristischen Ansätzen. Hier hätte man sich eine stärkere Differenzierung bei Cantzen gewünscht.

 Kein Thema der Vergangenheit
Sehr lesenswert hingegen ist das Kapitel, in dem sich Cantzen mit der Verarbeitung von Militär- und Kriegsdienstverweigerung in der westdeutschen Literatur auseinandersetzt. Dafür zieht er Beispiele von Alfred Andersch, Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll heran. Ausführlich geht Cantzen auf den heute weitgehend vergessenen Roman „Das zerbrochene Haus“ ein, in dem Horst Krüger 1966 seine Desertion und den tödlich endenden Desertionsversuch seines Freundes verarbeitet. Hier wird deutlich, dass der Widerstand gegen eine Remilitarisierung in den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland auch im liberalen Bürgertum verbreitet war und in der Literatur verarbeitet wurde.

Im Kapitel „Gute Deserteure – böse Deserteure“ beschreibt Cantzen, wie Deserteure aus der DDR in der BRD herzlich aufgenommen wurden. Aber es gab auch Soldaten aus der BRD und anderen NATO-Staaten, die in die DDR desertierten. Interessant zu lesen ist auch, wie in den 1960er Jahren französische Deserteure, die nicht gegen die algerische Unabhängigkeitsbewegung kämpfen, und US-Soldaten, die nicht in Vietnam eingesetzt werden wollten, von internationalen Netzwerken unterstützt wurden. Daran knüpfen heute Initiativen wie Connection e.V. an, die Deserteur*innen aus der Ukraine und Russland unterstützen und dafür kämpfen, dass sie in Deutschland Asyl erhalten.

Das Buch endet mit einem Zitat aus einem Flugblatt der GRÜNEN aus dem Jahr 1990: „Laßt Euch nicht zu Kanonenfutter für eine verfehlte und nicht dem Frieden und der Unabhängigkeit unseres Landes dienende Politik machen.“ (S. 187) Der Aufruf ist erstaunlich aktuell, in einer Zeit, in der selbst Politiker*innen der GRÜNEN für die Kriegsfähigkeit Deutschlands trommeln. So kommt denn das Buch zur rechten Zeit. Wo so viel von Kriegsfähigkeit gesprochen wird, braucht es Menschen, mit denen kein Krieg zu führen ist. Die Geschichte der Deserteur*innen findet hier ihre Fortsetzung.

(Text: kritisch-lesen.de Redaktion)

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