Kundgebung 28.5.26 um 17.00 Uhr
Marktplatz Bremen
Keine Stationierung von Mittelstreckenraketen!
Keine! Egal wo und von wem!
Wir fordern Abrüstung!
Wir zitieren einen Gastkommentar von Arno Gottschalk, den er auf bremensogesehen.com (Link) veröffentlicht hat:
„Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich die politische Debatte in Deutschland tiefgreifend verändert. Für viele scheint die Schlussfolgerung klar: Russland bedroht Europa, also müsse militärisch deutlich mehr getan werden. Doch nur die wenigsten haben eine konkrete Vorstellung davon, was derzeit eigentlich aufgebaut wird — welche Strategie dahintersteht, welche Doktrin, welche Technologien, welche Risiken. Denn die gegenwärtige Aufrüstung ist weit mehr als eine klassische Modernisierung der Landesverteidigung. Tatsächlich vollzieht sich ein grundlegender Wandel der militärischen Logik selbst.
Von der Abschreckung zur Kriegführung
Über Jahrzehnte beruhte die europäische Sicherheitsarchitektur auf Abschreckung. Ihr zentrales Ziel war nicht, Krieg zu führen, sondern ihn zu verhindern. Gerade die nukleare Abschreckung beruhte auf dieser paradoxen Stabilitätslogik: Weil ein großer Krieg unkalkulierbar ist, sollte er gar nicht erst beginnen.
Diese Logik verändert sich nun grundlegend. Heute geht es darum, einen großen Krieg nicht nur abschrecken, sondern ihn führen und gewinnen zu können. „Kriegstüchtig” zu werden ist die bekannte politische Chiffre dafür; im politischen Diskurs ist mittlerweile sogar von „Siegfähigkeit” die Rede.
Die Sicherheitsexpertin Claudia Major hat die Konsequenzen dieser Denkweise kürzlich im Haus der Bremischen Bürgerschaft offen ausgesprochen — und damit präziser benannt, was die offizielle Sprache eher umschreibt als bezeichnet.
Die neue Doktrin: Multi Domain Operations
Materiell schlägt sich dieser Wandel in einer neuen Militärdoktrin nieder: den Multi Domain Operations. Klassische Operationsfelder waren Land, Luft und See. Heute gelten zusätzlich Weltraum, Cyberraum und der Informationsraum — also die Ebene öffentlicher Wahrnehmungen und Deutungen — als eigenständige militärische Domänen, vollständig digital vernetzt und KI-gestützt gesteuert.
Aus Satellitenbildern, Drohnenaufklärung, Radarerfassung, Kommunikations- und Cyberdaten sowie nachrichtendienstlichen Erkenntnissen wird fortlaufend ein Lagebild des Gegners erzeugt. Auf dieser Grundlage entstehen sogenannte „Kill Chains” — digitale Zielarchitekturen für koordinierte Angriffe gegen seine Schwachstellen.
Die entscheidende angestrebte Eigenschaft ist dabei überlegene Geschwindigkeit: Informationen schneller verarbeiten, Entscheidungen schneller treffen, Angriffe schneller ausführen als der Gegner. Im militärischen Sprachgebrauch heißt dieses Leitprinzip „Decision Dominance” — der Gegner soll überholt werden, bevor er reagieren kann.
Die Mittelstreckenraketen als Effektoren
Vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung der geplanten US-Mittelstreckenraketen verständlich. Sie sind keine isolierten Waffen, sondern die Effektoren dieser neuen digitalen Kriegführung. Der amerikanische Militäranalyst Michael T. Klare beschreibt unmissverständlich, was das operativ bedeutet: Während heute auf jede militärische Begegnung zunächst noch eine allmähliche Erhöhung des Gefechtstempos folge, die Krisengespräche und Deeskalation ermögliche, würden künftige Begegnungen „fast sofort mit intensiven US-Luft- und Raketenangriffen auf wichtige gegnerische Einrichtungen beginnen”.
Das entspricht einer strukturellen Erstschlagslogik. Das Ziel ist nicht mehr, den fliegenden Pfeil abzuwehren, sondern den Bogenschützen auszuschalten, bevor er schießt.
„Use them or lose them”
Daraus entsteht eine hochgefährliche wechselseitige Dynamik. Beide Seiten wissen, dass die andere Seite diese Raketen als Erstschlagswaffen wahrnehmen muss — und sie deshalb möglichst früh ausschalten will. In einer Krise hat damit jede Seite einen immensen Anreiz, zuerst zu handeln, bevor sie selbst getroffen wird. Genau das ist der gefährlichste denkbare Zustand zwischen nuklearen Mächten. In der Nuklearstrategie ist dafür der Begriff „Use them or lose them” („Benutze sie oder verliere sie“) geprägt worden.
Hinzu kommt: Viele Trägersysteme sind sowohl konventionell als auch nuklear einsetzbar. Der Angegriffene kann bei einem herannahenden System oft nicht erkennen, welche Art von Angriff erfolgt. Begrenzter konventioneller Schlag? Ausschaltung der Zweitschlagsfähigkeit? Beginn einer nuklearen Eskalation? Diese Unsicherheit senkt die nukleare Schwelle strukturell — völlig unabhängig von den eigentlichen politischen Absichten.
Worüber wir reden müssten
Selbstverständlich muss Europa über Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit diskutieren. Gerade deshalb wäre eine offene Debatte darüber notwendig, welche Form von Militärstrategie hier eigentlich aufgebaut wird. Denn die gegenwärtige Aufrüstung ist nicht einfach nur eine defensive Verstärkung, sondern Teil eines grundlegenden Umbaus — hin zu einer Doktrin hochvernetzter, beschleunigter und potenziell präemptiver Kriegführung.
Darin liegt die eigentliche strategische und politische Brisanz. Und genau darüber wird in Deutschland bislang erstaunlich wenig öffentlich gesprochen.“
